Krisenklima

Im Sommer blühen die Festivals, doch 2024 müssen ihre Macher*innen mit heftigen internationalen Konfliktlagen zurechtkommen. Was folgt daraus?

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Wie würde er wohl die Lage beurteilen? Und wem in gewohnter Schärfe die Leviten lesen? Ralph Giordano gehörte zu den streitbarsten Intellektuellen der Bundesrepublik. 1923 als Sohn einer jüdischen Mutter in Hamburg geboren und schon als Zehnjähriger mit dem Vernichtungsfuror des Dritten Reichs konfrontiert, überlebte er in seiner Heimatstadt und wurde nach 1945 einer der nimmermüden Mahner und Kritiker, der wichtigsten Zeugen und Autoritäten im Kampf gegen rechte Gewalt und Gesinnung. 1991 veröffentlichte Giordano ein denkwürdiges Buch: «Israel, um Himmels willen Israel».

Denkwürdig, weil es Katastrophe und Dilemma des aktuellen Nahostkonflikts in geradezu hellsichtiger Weise vorwegnimmt. Giordanos Bericht ist die Bilanz einer mehrmonatigen Reise, die den Schriftsteller und Filmemacher nach Israel, Gaza, ins Westjordanland führte. Egal, wohin er kam: Was er sah und hörte, erschütterte ihn zutiefst. «Israel, mein Israel» ist sein Staat, jeder Angriff gegen das Land ein Verbrechen. Aber zugleich gilt: «Das Elend der Palästinenser … muss gewendet, ihre Not muss beseitigt werden. Ich habe nichts davon vergessen, kein Wort und kein Bild ihres Leids. Gaza zumal verfolgt mich bis in die Träume.»

Ralph Giordano starb vor ziemlich genau zehn Jahren. Er war ein eigenwilliger Kopf, sein anti-islamistischer Impetus trug ihm zeitweise den Ruf einer Nervensäge ein. «Israel, um Himmels willen Israel» indes ist ein Manifest wider jede Art der Entrechtung. Engagiert und enragiert, aber nie in der Erregungsschleife gefangen, die wir uns heute selbst schnüren. Nicht zuletzt was das Krisenklima betrifft, dessen nervöse Ausschläge neben Gaza- und Ukraine-Krieg von Rechtsruck und massiver Polarisierung getriggert werden.

Auch die Tanzszene ist betroffen. Über viele Jahre war die Koexistenz israelischer Produktionen mit Werken aus dem arabischen Raum für Festivalplaner*innen kein Problem. Künstler*innen wie Omar Rajeh, Yotam Peled, Niv Sheinfeld und Oren Laor tourten international. Schon länger fiel dagegen auf, dass der Choreograf Alain Platel, der Deutschland einst regelmäßig mit les ballets C de la B bereiste, nicht mehr auftaucht. Spielt sein BDS-Engagement eine Rolle? Und hätten angesagte Tanzmacher*innen wie Ligia Lewis ein Problem, wenn Berlins Antisemitismus-Klausel nicht einkassiert worden wäre – weil sie im Oktober 2023 die propalästinensische Erklärung unterzeichneten, die Nan Goldin mit anschob? Fragen über Fragen.

Vor einigen Wochen haben wir beschlossen, eine Umfrage unter den Festivalkurator*innen zu starten, wie sie mit den Konflikten – sprich: den Brandherden in Nahost und in der Ukraine, umgehen. Weil Festivals Treffpunkte und Austauschbörsen sind und Künstler*innen aus aller Welt zueinanderbringen. Wir wollten also wissen, ob das Geschehen unmittelbare Konsequenzen für die jeweilige Planung hatte, ob es Absagen seitens des Festivals oder umgekehrt von Künstler*innen gab, wie die Policy der jeweiligen Institution aussieht – und ihre Wünsche. Wir haben 17 Festivals im deutschen Sprachraum kontaktiert und sechs weitere bei den europäischen Nachbarn – von denen niemand geantwortet hat, weil, wie ein Veranstalter wissen ließ, «die Situation in Deutschland eine ganz andere ist als anderswo». Soll heißen: Die polarisierte Diskussion – hier die Freunde Israels, dort die Freunde der Palästinenser und dazwischen Streit, Invektiven und teils offener Hass – gründet natürlich auch im Erbe der Shoa. Wurzelt in der deutschen Schuld an der Ausrottung des europäischen Judentums im Dritten Reich. Das ist und bleibt eine historische Verpflichtung.

Bei den acht Festivals, die geantwortet haben, möchten wir uns ausdrücklich bedanken – weil sie Zeit, Mühe und Reflexion in die Statements investiert haben, was uns ermöglicht, zumindest einen Ausschnitt der Situation abzubilden. Es hat uns erstaunt, dass die Mehrheit es vorgezogen hat zu schweigen. Denn das Thema ist gesellschaftlich derart brennend, dass mit öffentlichen Geldern finanzierte oder subventionierte Institutionen im Grunde interessiert sein sollten, ihre Haltung zu dokumentieren und in die Öffentlichkeit zu tragen.

Künstlerische und soziale Vielfalt
Das größte europäische Tanzfestival ist Wiens «ImPulsTanz». Von dort heißt es: «Mit großer Wachheit sehen wir uns als Festival mit gesellschaftlicher Verantwortung. Aus diesem Grund ist es uns ein großes Anliegen, aufkommende Diskussionen gut zu moderieren und im Vorfeld bei unserer Einladungspolitik möglichst künstlerisch niemanden auszuschließen – wir arbeiten an einer größtmöglichen künstlerischen und auch sozialen Vielfalt. » Dafür pflegt das Team um Karl Regensburger eine «Policy … der Gastfreundschaft» und hofft, dass «angesichts der vielen Krisen, Kriege und Auseinandersetzungen den Kulturbudgets auch in Zukunft die notwendige Aufmerksamkeit zuteilwird, um den Polarisierungen bestmöglich zu begegnen!» Die polarisierten Positionen und ihre gesellschaftliche Sprengkraft beschäftigen im Prinzip alle Organisator*innen, so auch bei der «Ruhrtriennale»: «Wir wünschen uns einen respektvollen Dialog aller Beteiligten, frei von Antisemitismus, Rassismus und jeder anderen Form der Diskriminierung.» Walter Heun, Leiter von Joint Adventures in München und Ausrichter der «Tanzwerkstatt Europa», betont ebenfalls, dass «die derzeitige politische Lage und die damit verbundene Polarisierung schwierig» sind. Bedenkenswert auch: «Wie wird man der Aufgabe gerecht, traumatischen Einzelschicksalen und komplexen Standpunkten zum Beispiel in Symposien, Gesprächen oder sonstigen Diskursveranstaltungen, die im Rahmenprogramm eines Festivals für Tanz und Performance stattfinden, mit Dokumentation oder gar wissenschaftlicher Aufarbeitung angemessen Raum zu geben?» Heun hat schon 2023 den Ukraine-Krieg künstlerisch … integriert, indem «die ukrainische Tänzerin und Choreografin Daria Koval ihr Solo ‹Pyx Onopi – Resistance Movement› zeigte, das sich mit persönlichen Kriegserfahrungen auseinandersetzt.»

Bekenntniszwang und rote Linien
Zu den großen Playern zählen das «Internationale Sommerfestival» auf Kampnagel in Hamburg und der Berliner «Tanz im August», ein Festival des HAU Hebbel am Ufer. Aus der Hansestadt teilt Leiter AndrásSiebold mit: «Die aktuellen Konflikte treffen viele international arbeitende Kulturinstitutionen, auch Kampnagel und das Sommerfestival. Als Ort, zu dessen DNA der Diskurs gehört, ist es in den vergangenen Monaten umso wichtiger geworden, den Raum für Diskussionen und Austausch zu schützen und gegen Angriffe zu verteidigen. Essenziell war deswegen auch noch mal die klare Kennzeichnung dieses Diskursraums und unserer Haltung.» Was bedeutet, «dass wir konträre Perspektiven aushalten müssen und wollen, solange sie bestimmte rote Linien nicht überschreiten.» Um der «politischen Polarisierung» auch in der Kulturszene entgegenzuwirken, habe man den «Austausch mit vielen internationalen Künstler*innen … im Vorfeld nochmal intensiviert». Was für beide Seiten fruchtbar sei und nicht dem «diskursiven Bild, das die Social-Media-Erregungsschleudern mit den vielen Dehumanisierungsversuchen oft zeichnen» entspreche. Die Gespräche seien konstruktiv, die Zielrichtung klar: «Wir kuratieren ein differenziertes, ausgewogenes und perspektivenreiches Programm, das ebenso gegenwartsdurchlässig wie ästhetisch progressiv ist» und auch zeige, «dass sich internationaler Austausch nicht durch Boykotte und Absageforderungen aufhalten lässt».

Ein ausführliches und lebendiges Bild des Status quo zeichnet auch Ricardo Carmona, künstlerischer Leiter von «Tanz im August». In Berlin ist klar, dass die Festivalplanung von den aktuellen Konflikten beeinflusst wird: «Das Auseinanderklaffen des deutschen und internationalen (politischen) Diskurses, insbesondere zu Nahost, sorgt für Probleme. Hier sind besonders internationale Produktionen, Gäste usw. betroffen, denen nicht immer bewusst ist, in welche Gemengelage sie sich mit einem Auftritt oder aber einer öffentlichen Positionierung in Deutschland begeben und welche Folgen das haben kann», etwa im medialen Bereich. Und weiter: «Der teilweise durch Politik, mediale Öffentlichkeit und Peergroups der Künstler*innen verursachte Druck auf unsere Institution und die Künstler*innen sorgt dafür, dass komplexe Sachverhalte und Umstände in ‹einfache› Bekenntnisse und Positionierungen münden sollen. Hierdurch entsteht auch ein großer Druck auf einzelne Mitarbeiter*innen, insbesondere Kurator*innen, sich der jeweiligen Meinung, Boykott-Aufrufen oder ähnlichem anzuschließen.» Das kann, so Carmona, so weit gehen, dass «persönliche, teils außergewöhnliche psychische Belastungen durch die weltweit sich verschärfenden Krisen» auftreten. Folge ist eine «Belastung von Freundschaften und Beziehungen durch Bekenntniszwang, teilweise auch im Hinblick auf die (vermeintliche) Haltung der Institution», für die jemand tätig ist. Solche Umstände fressen Energie. Auch «Tanz im August» unterstreicht die Bedeutung von Diversität und Meinungsvielfalt für seine Agenda: «Uns ist wichtig, Räume für kontroverse Debatten offen zu halten und so eine Streitkultur zu bewahren und zu fördern, die in Zeiten starker Polarisierung oft fehlt.»

Interkulturelle Verständigung
Ilona Pászthy vom «SoloDuo Festival nrw + friends» betont, dass man dort auf «interkulturelle Verständigung und Austausch auf künstlerischer Ebene im zeitgenössischen Tanzkontext» setzt, dafür europaweit einlädt und, sofern es das Budget hergibt, auch Produktionen von anderen Kontinenten nach Köln holt. Ihre Kollegin Eva Zagorova von der «Sommerszene Salzburg» teilt mit, dass «die politischen Krisenherde und Kriege einen programmatischen Niederschlag» finden, etwa beim Gastspiel von Marta Gornickas «Mothers. A Song for Wartime». Zugleich waren «aber weder Auswirkungen rund um die Initiative ‹Strike Germany› noch andere Restriktionen politischer Natur ein Thema» bei der Festivalplanung.

Meinungspluralismus aushalten
Die «Wiener Festwochen», die auch Florentina Holzingers jüngste Inszenierung «Sancta» zeigen werden, verwandeln 2024 die Stadt in eine «freie Republik der Künste» mit einem «Rat der Republik», der sich aus 100 Bürger*innen und Expert*innen» zusammensetzt. Ein Hearing ist, wie Festivalleiter Milo Rau und sein Team erklären, dem «Spannungsfeld von Cancelling und Solidarität gewidmet: Ist ein öffentliches Kunstfestival ein Raum klarer politischer Haltungen? Soll gerade in der Kultur der Boykott ausgesetzt werden? … Welche Grundsätze, Loyalitäten, rote Linien, ja: Werte machen Sinn …? Wir finden es wichtig, dass die «Festwochen» diesen Diskurs-Raum öffnen, in dem auch völlig widersprechende Meinungen aufeinandertreffen. Denn wir sind überzeugt, dass die Kunst eine starke politische Kraft besitzt.» Und weiter: «Genereller Boykott ist ebenso schädlich wie generelles Kritikverbot. Wir sind unbedingt dafür, Meinungspluralismus auszuhalten, solange gewisse rote Linien – zu denen Antisemitismus, Rassismus etc. gehören – nicht überschritten werden.» Man wehre sich allerdings auch «gegen Diffamierungen und den strategischen Missbrauch, bzw. die bewusste Ausweitung von Begrifflichkeiten wie Antisemitismus oder Rassismus auf alles, was der einen oder anderen Seite politisch missfallen mag». Was ihre Wünsche betrifft, positionieren sich die «Festwochen»-Gestalter*innen explizit: «Wir wünschen uns ein Festival, in dem aktiv und ganz konkret diskutiert wird, worin die verfassungsgeschützte Freiheit der Kunst liegt, und auch, wo diese endet.» Knapp und präzise beantwortet die «tanzmesse nrw», was sie als Desiderat ausmacht: «In Hinsicht auf Israel/ Gaza und die Stimmung in Deutschland: Die Bereitschaft zu Diskussion und Verhandlung zwischen den politischen Gruppen.»

Traumata anerkennen
Das ist die Quersumme, die sich aus allen Antworten ergibt: Über Absagen aus politischen Gründen hat niemand berichtet, außer den «Festwochen», die im Musikbereich eine entsprechende Auseinandersetzung hatten. Dagegen unterstreichen alle Tanz-Sommerfestivals 2024 ihre Rolle als Resonanz- und Diskursräume. Vor dem Hintergrund einer angespannten Lage, ja eines Kriegsszenarios in Nahost und in der Ukraine stehen sie für demokratischen Meinungspluralismus ein. Und das ist gut so. Wie kompliziert das alles ist und wie schnell das Bekenntnis zum Meinungspluralismus an die Wand fahren kann, hat man allerdings Anfang Mai bei der Eröffnung der «Wiener Festwochen» gesehen. Angekündigt war eine Rede des 1979 in Haifa geborenen Philosophen Omri Boehm, der zuletzt auf der Leipziger Buchmesse für seinen Band «Radikaler Universalismus» ausgezeichnet wurde. Boehms in Anlehnung an Immanuel Kant formulierte «Rede an Europa», symbolträchtig auf den Judenplatz im Wiener Zentrum gelegt, sorgte schon im Vorfeld für Proteste. Der Wissenschaftler, Kritiker der Regierungspolitik von Benjamin Netanjahu und Verfechter einer Einstaatenlösung, thematisierte unter dem Titel «Shadows of History, Spectres of the Present: The Middle East War and Europe’s Challenge» unter anderem, dass ein Zusammenleben von Israelis und Palästinenser*innen nur denkbar sei, wenn die jeweiligen Traumata wechselseitig anerkannt werden. Der Vizepräsident des Jüdischen Weltkongresses, Ariel Muzicant, fühlte sich provoziert und erklärte laut Berliner «Tagesspiegel»: «Es ist die falsche Rede am falschen Ort. Wäre ich 30 Jahre jünger, würde ich hingehen und Eier werfen.» Zwar folgte niemand Muzicants Hinweis, in der Videoaufzeichnung der Boehm-Rede sieht man nur ein paar Transparente vor dem Pult, «Israel = Kant, Hamas = Anti-Kant». Was in etwa das Niveau der aktuellen Diskussion beschreibt. Und zeigt, wie gut es ist, wenn Festivalmacher*innen zu differenzieren wissen.


Tanz Juni 2024
Rubrik: Positionen, Seite 48
von Falk Schreiber und Dorion Weickmann

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