Jörg Mannes «Borgia»
Dieser Premierenabend fühlt sich anders an. Der Blick auf das, was auf der Bühne des Magdeburger Theaters vor sich geht, sucht nach Anhaltspunkten, Spiegelungen, Widerhaken. Nach Indizien, die Verbrechen und Leidenschaft, Machthunger und Tötungsdrang, Vernichtung aller Gegner und Ausbau der Herrschaft mit unserer Wirklichkeit kurzschließen.
Denn von der unersättlichen Gier eines Potentaten handelt Jörg Mannes’ «Borgia».
Nur ist dieser Mann kein absolutistischer König, kein Zar und auch kein russischer Präsident, sondern ab 1492 Nachfolger Petri auf dem Heiligen Stuhl: Renaissancepapst Alexander VI. Nichts als die Vermehrung des Besitzes und dynastische Machtakkumulation im Sinn, lässt der ranghöchste Kleriker alle Feinde und kritischen Geister meucheln. Bis hin zum charismatischen Prediger Girolamo Savonarola, den die evangelische Kirche heute als Märtyrer verehrt. Soweit die Geschichte, soweit auch die Handlungsumrisse von «Borgia» in Magdeburg. Nur hat sich am Vortag etwas ereignet, das die Perspektive dramatisch aktualisiert: Der Kremlkritiker Alexei Nawalny ist im Straflager umgebracht worden. Entweder hat ihn die Folter unerträglicher Zustände allmählich zugrunde gerichtet, ...
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Tanz Mai 2024
Rubrik: Kalender, Seite 32
von Dorion Weickmann
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