In Siebenmeilenstiefeln

Erst 27 und schon eine Gipfelstürmerin: Arielle Smith gehört zu den Choreografinnen, die der Ballettwelt eine Zukunft geben

Tanz - Logo

«Ich bin Choreografin gewesen, lange bevor ich Tänzerin war», eröffnet mir Arielle Smith, als wir uns treffen, um über ihre bislang noch kurze, dafür umso imposantere Karriere zu sprechen. Sie ist erst 27 Jahre alt, hat aber bereits den prestigeträchtigen «Olivier Award for Outstanding Achievement in Dance» sowie im Jahr 2021 den «UK National Dance Award for Emerging Artist» gewonnen. Ihre choreografische Laufbahn nahm in einer Wohnung im Londoner Arbeitervorort North Camden ihren Anfang.

«Meine arme jüngere Schwester», bekennt sie mit einem herzhaften Lachen, «musste in meinen frühen Stücken ständig als Darstellerin herhalten.» Nachdem sich Arielle Smith durch ihre Arbeiten mit Matthew Bournes Kompanie New Adventures sowie dem English National Ballet (ENB) einen Namen gemacht hat, wird sie im April eine «Carmen»-Neuinterpretation für das San Francisco Ballet, danach einen neuen «Nutcracker» fürs ENB (ein Gemeinschaftsprojekt mit Kompanie-Chef Aaron S. Watkin) sowie Stücke für das London City Ballet und das Birmingham Royal Ballet kreieren. Doch erobert Smith beileibe nicht nur die Ballettszene im Sturm. Sie hat ebenfalls für die Oper choreografiert («Orfeo» an der Garsington Opera) und als Movement Director an verschiedenen Theaterproduktionen mitgewirkt. Die Wochenzeitung «The Stage» zählte sie unlängst zu den 25 vielversprechendsten Nachwuchs-Stars der britischen Theaterszene, und der «Guardian» listete sie 2022 unter der Rubrik «one to watch» als Künstlerin, die zu beobachten lohnt.

Smiths Eltern – der Vater kubanischer, die Mutter britisch-irischer Herkunft und beide in der Filmbranche tätig – hatten sich bei einem Filmfestival in Kuba kennengelernt. Dort kommt Arielle dann auch zur Welt. Allerdings hat sie keine Kindheitserinnerungen an das Land, da die Familie schon sehr bald nach Großbritannien übersiedelt. Der Großvater väterlicherseits, Gilberto Smith Duquesne, in Kuba als «El Rey Langosta» bekannt, war ein berühmter Koch, der auch schon mal für das leibliche Wohl von Fidel Castro und Alicia Alonso gesorgt hat. Der Primaballerina und Gründerin des Nationalballetts in Havanna widmete er eines seiner Gerichte, das unter dem Namen «Coppélia Lobster» bekannt geworden ist. Auch andere Prominente kamen in den Genuss, Widmungsträger kulinarischer Kreationen des «Langustenkönigs» zu werden, darunter Ernest Hemingway und Brigitte Bardot. Arielle Smith wächst mit den ikonischen Filmen von Buster Keaton und Charlie Chaplin auf, und es sind maßgeblich diese frühen cineastischen Eindrücke, die ihre bahnbrechende, mit dem Olivier Award ausgezeichnete Choreografie für «Jolly Folly» (tanz 2/21) inspirieren: eine Produktion, die während des Corona-Lockdowns zunächst als Film entsteht und später dann für die Londoner Theaterbühne adaptiert wird. «Diese Stummfilme gehören zu meinen frühesten Erinnerungen. Dabei nahm ich Keaton und Chaplin nicht in erster Linie als Schauspieler oder Comedians wahr, sondern mehr als Tänzer, weil ihre Darstellungskunst so ungemein physisch war», erinnert sich Smith. Eben jene Filme sind es auch, die ihre frühesten Choreografieversuche angestoßen haben, die die kleine Schwester in der Wohnung in North Camden über sich ergehen lassen muss.

Abschied vom Ballerinentraum
Ihren ersten Tanzunterricht erhält Smith als Neunjährige. Wieder lacht sie und gesteht: «Ich war ziemlich ungezogen damals, wollte immer nur zur Musik herumspringen und mir nichts vorschreiben lassen. Deswegen wollte ich wahrscheinlich auch Choreografin werden!» Als sie elf Jahre alt ist, scheint der Unterricht dann schließlich doch gefruchtet zu haben, und sie bekommt ein Stipendium der Hammond School in Chester, wo auch der Tänzer und Choreograf Paul Lightfoot studiert hat. «Ich begann mich damals ziemlich zu wandeln. Anfangs hatte ich noch den Wunsch, Ballerina zu werden, doch als ich von der Schule abging, wollte ich mit dem Ballett nichts mehr zu tun haben. Es ging mir total gegen den Strich, dass Frauen in Balletten offenbar immer an gebrochenem Herzen zugrundegehen.» Mit 16 wechselt sie an die Londoner Rambert School, wo ihre Leidenschaft fürs Choreografieren neuerlich die Oberhand gewinnt. Sie kreiert jedes Semester ein Stück für den Choreografie-Workshop und bringt sich beim jährlichen Programm des National Youth Ballet ein – insgesamt entstehen 16 Werke. Ganz schön viel! Damals hat sie aber noch das Ziel einer Karriere als Profi-Tänzerin vor Augen. 2016 macht sie erstmals die Erfahrung, in einer Kompanie zu arbeiten: Mit Rambert tritt sie in Mark Baldwins Choreografie für die Produktion von Joseph Haydns «Schöpfung» auf. Eine gute Erfahrung, und doch stimmt irgendetwas nicht: «Ich machte das, was ich immer machen wollte, und merkte im selben Moment doch, dass es mich nicht vollends erfüllte.»

Ein großer Moment kommt für Arielle mit dem Angebot, zum Abschluss der Rambert School im Londoner Royal Opera House ein Ensemblestück – «Storm» – zu choreografieren. Wenig später kreiert sie eine 20-minütige Alternativfassung von «Giselle» für das National Youth Ballet. Eine glückliche Fügung: Matthew Bourne sitzt im Publikum, auch das wird ihren Durchbruch beschleunigen. Nicht ohne Bescheidenheit blickt Smith zurück: «Ich glaube an Glück. Ich habe meinen Abschluss gemacht, als der Tanzsektor gerade begann, junge Choreografinnen stark zu fördern.» Bourne engagiert Arielle Smith als Associate Choreographer für die Produktion von «Romeo & Juliet». Die Zusammenarbeit mit dem Choreografen gestaltet sich als immens lehrreich und hart zugleich: «Wenn man als 20-jähriger Mensch in eine derart hochrangige Produktion involviert wird, kommt das einem handwerklichen Crashkurs gleich. Ich nahm vieles von Matthew auf», erinnert sie sich, «doch er ließ mir den Raum, mich zu verwirklichen. Er verlangte nicht von mir, dass ich mich stilistisch in etwas einfügte, das er bereits zuvor geschaffen hatte.» Mit der Arbeit an «Romeo & Juliet» ist eine ausgedehnte 18-monatige Tournee verbunden, während der Smith an jedem Spielort aufs Neue intensiv mit jungen Tänzerinnen und Tänzern arbeitet.

Zwischenspiel als Verkäuferin
Kurz vor Ausbruch der Pandemie endet ihre Tätigkeit bei New Adventures. Damit scheint zunächst auch das Ende einer vielversprechenden Karriere gekommen. «Es hatte mir unglaublich viel Spaß gemacht, Teil dieser großen Institution zu sein, doch dann holte mich die Wirklichkeit ein: Plötzlich war ich eine junge Choreografin, die Mühe hatte, Arbeit zu finden.» Ein Jahr lang ist Smith schöpferisch unproduktiv und nimmt einen Job im Einzelhandel an. «Ich verdiente als Verkäuferin mehr, als ich mit meinen kleinen Choreografie-Aufträgen eingenommen hatte. Das war niederschmetternd, und so beschloss ich zwei Wochen vor dem Lockdown, den Job wieder hinzuschmeißen. Eine schwere Entscheidung, mit der ich aber voll und ganz im Reinen war.» Glücklicherweise lässt ihr zweiter Durchbruch nicht lange auf sich warten: «Ich kam gar nicht so richtig dazu, den Verlust meiner Karriere zu betrauern, weil Tamara Rojo bei mir anfragte, ob ich ein Stück für das digitale Saison-Programm des ENB machen könne. Ich konnte gar nicht glauben, dass Tamara überhaupt von meiner Existenz wusste.» Trotz aller Vorbehalte, das Choreografieren langfristig als Berufsweg in Erwägung zu ziehen, stürzt sich Smith mit Freude in das Abenteuer und entwickelt «Jolly Folly», das Arbeiten etablierter Tanzmacher*innen wie Sidi Larbi Cherkaoui, Russell Maliphant, Yuri Possokhov und Stina Quagebeur flankiert. «Jolly Folly» ist nicht nur ein Produkt der Stummfilm-Nostalgie aus Kindertagen, sondern markiert für Smith auch einen Richtungswechsel. «Bis dahin», erklärt sie, «hatte ich mich mit ziemlich deprimierenden Themen befasst, unerwiderte Liebe und dergleichen. Doch nun wollte ich die Leute zum Lachen bringen.» Der Lockdown-Film in der Regie von Amy Becker-Burnett wird als Bühnenadaption am Sadler’s Wells zum preisgekrönten Erfolgsstück. Es sind die von den Klazz Brothers lateinamerikanisch aufgepeppten Cover-Versionen klassischer Musikstücke, die «Jolly Folly» befeuern. Musik steht für die Choreografin Smith ohnehin an erster Stelle. Ihr Partner George ist Musical-Dirigent, Musik ist im gemeinsamen Haushalt ein Muss. Smith ist überzeugt: «Gute Musik ist für jemanden, der choreografiert, ein unschätzbares Geschenk. Im Zuge der allgegenwärtigen Mittelkürzungen wird bedauerlicherweise zuallererst bei den Musikerinnen und Musikern gespart. Eines der Dinge, die ich am Ballett liebe, ist die Größe des Orchesters. George dagegen kann sich schon glücklich schätzen, wenn er zehn Leute zur Verfügung hat.»

Keine Einbahnstraße
Zum Zeitpunkt unseres Gesprächs steht Smiths Abreise nach San Francisco, zu Schlussproben für «Carmen», bevor. Einmal mehr hat Tamara Rojo sie geholt, wie Smith meint aufgrund eines Interviews, das sie dem «Guardian» gab. Darin äußerte sie: «Im Ballett würde ich an gebrochenem Herzen sterben oder darauf warten, dass mich ein Mann rettet.» Einmal aufmerksam geworden, interessierte sich Rojo dafür, wie Smith generell zu ihrem «Carmen»-Projekt stand: «Ich dachte als Erstes an die Musik», erinnert sich Smith, «was eigentlich ironisch ist, denn letztlich verwende ich lediglich fünf Prozent von Bizets Komposition.» Bei Arturo O’Farrill hat sie stattdessen eine neue Partitur bestellt, die nur an wenigen Stellen auf Bizet-Klänge zurückgreift. Smith will sie als Alternative zur herkömmlichen, vertrauten «Carmen» verstanden wissen. Ihr zweites Großprojekt in diesem Jahr ist «The Nutcracker», den das ENB seit 1950 einmal jährlich im Programm hat. Zwar hat der Ticketverkauf für die nächste Weihnachtssaison bereits begonnen, doch Smith wartet mit der Einstudierung noch bis Mitte April: «Das machen wir dann stückweise, in Abstimmung mit den übrigen Terminen», kündigt sie an. Smith wird den Großteil des ersten sowie einige der Divertissements aus dem zweiten Akt choreografieren, während sich Watkin speziell um die Spitzentanz-Nummern kümmert. «Wir müssen da in engem Austausch miteinander bleiben», sagt sie und fügt dann rasch hinzu: «Ich rede, als ob wir schon mittendrin wären im Kreieren, dabei haben wir noch nicht einen einzigen Schritt choreografiert!» Eine junge Tanzschaffende zu sein hat, laut Smith, einen immensen Vorteil: «Die Tänzerinnen und Tänzer fühlen sich von mir nicht eingeschüchtert. Die Angst, die sie mit Sicherheit haben, wenn sie die Arbeit mit arrivierten Choreografinnen oder Choreografen beginnen, ist einfach nicht da.» Für Smith ist Choreografieren in der Praxis ohnehin keine Einbahnstraße: «Ohne die Tänzerinnen und Tänzer kann ich als Choreografin schließlich nicht arbeiten. Ich gehöre nicht zu denen, die anfangen zu choreografieren, noch bevor sie das Studio betreten. Bei ‹Jolly Folly› habe ich erst mal fünf Tage nur darauf verwendet, die Tänzerinnen und Tänzer kennenzulernen, bevor ich die ersten Schritte für sie kreiert habe. Ich bin extrem körperlich und choreografiere nicht vom Stuhl aus. Eine Tänzerin oder ein Tänzer wird letztlich immer etwas Besseres anbieten als das, was mir vorschwebt, und das lasse ich auch gerne zu.» Natürlich habe sie Bilder im Kopf, wie sich die jeweiligen Szenen entfalten sollten, präzisiert Smith, «aber eine Ahnung, wie ich von A nach B gelange, bekomme ich im Grunde erst, wenn ich konkret mit den Tänzerinnen und Tänzern zusammenarbeite.»

Einen großen Teil ihres Erfolges, glaubt Smith, hat sie der Besonnenheit ihrer Eltern zu verdanken. Am Tag ihrer Nominierung für den «Olivier Award» habe ihr Vater sie angerufen und gesagt: «Ich hab mir die anderen Nominierten angeguckt. Du wirst nicht gewinnen, aber dass du nominiert wurdest, ist fantastisch! Ed Watson kommt vom Royal Ballet, der wird gewinnen.» Smith rundet die Anekdote ab, indem sie hinzufügt: «Ich bin eigentlich mein ganzes Leben lang froh darüber gewesen, dass meine Eltern Realisten sind. Das Leben ist hart, ich meine, du kannst die Beste sein und deine wirklichen Ziele dennoch nicht erreichen.» Dass sie Glück gehabt hat in ihrer bislang noch kurzen Karriere, gibt Arielle Smith freimütig zu. Dass sie selbst einen Glücksfall für den Tanz darstellt, liegt schon jetzt auf der Hand.
Aus dem Englischen von Marc Staudacher

Uraufführung von «Carmen» zusammen mit «Broken Wings» von Annabelle Lopez Ochoa im Rahmen des zweiteiligen Programms «Dos Mujeres» im War Memorial Opera House am 4. April, weitere Aufführungen am 6., 9., 10., 12., 14. April; www.sfballet.org


Tanz April 2024
Rubrik: Menschen, Seite 26
von Graham Watts

Weitere Beiträge
Angelin Preljocaj «Le parc»

Als Tänzer war Laurent Hilaire, Direktor des Bayerischen Staatsballetts, die Eleganz selbst: Hoch gewachsen, ausdrucksvoll, sprunggewaltig und dabei für feinzart lyrische Partien ebenso prädestiniert wie für Draufgänger, klassische Helden oder postmodernes Forsythe-Fortissimo. Die erste von ihm selbst geplante Spielzeit in München hat er mit einem Ballett bestückt, das er seinerzeit...

Bücher 4/24

TANZTHEORIE UND -PRAXIS

Nur alle paar Jahre bringt der deutschsprachige Buchmarkt standardwerkverdächtige Publikationen zum Thema Tanz hervor. Aber der knapp tausendseitige Band, den Beate Hochholdinger-Reiterer, Christina Thurner und Julia Wehren unlängst unter dem Titel «Theater und Tanz. Handbuch für Wissenschaft und Studium» bei der Nomos Verlagsgesellschaft herausgegeben haben,...

Newcomer: Micaela Taylor

Micaela Taylor watches the dancers from under the brim of her baseball cap, dressed in sleek sweats, barefoot. At 30 years old, the quietly spoken American is used to putting her muscular, often stuttering steps and rhythms into the bodies of her collaborators—this time, in the rehearsal I watched in Vancouver, Canada, the dancers of Ballet BC.

Los Angeles, though, is Taylor’s city: it’s...