In der Spur
Sie kennen das Haus aus dem Effeff. Gleiches gilt umgekehrt: Man geht keine zwei Schritte, ohne dass es aus irgendeiner Ecke «Oh Victoria!» schallt. Oder «Menschenskind – Julian!». Dabei ist es gut zwanzig Jahre her, dass sich Victoria Lahiguera und Julian Tonev von der Berliner Staatsoper verabschiedet und ihr eigenes Tanzstudio gegründet haben. An einem trüben Januarnachmittag kehren sie zurück in den Knobelsdorff-Bau, nehmen Platz im Parkett. Aus ganz besonderem Anlass.
Ein Mädchen kommt auf die Bühne gelaufen, flink fliegt der Kopf erst hierhin, dann dorthin.
Schon taucht er auf, der junge Mann, dem es entgegenfiebert: mit jeder Faser seines zarten, biegsamen Körpers und sehnsüchtigen Blicken, die wie Liebespfeile aus den dunklen Augen schießen. Keine zehn Sekunden, dann schmiegen sich beider Silhouetten aneinander. Bewegungen fließen zusammen, mit jedem Atemzug geht eine Liebkosung einher. Stürmisch und sachte zugleich. Wenn er sie hebt, malen sie ein gemeinsames Ausrufezeichen in die Luft. Wenn er seine Liebesschwüre in gewaltige Sprunghöhen schraubt, schmilzt sie dahin. Makellos entfaltet sie ihre Arabesques, sinkt zuletzt ins Penchée, um ihn zu küssen – den jungen Mann, der ...
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Tanz März 2022
Rubrik: Familie, Seite 56
von Dorion Weickmann
Nie gewöhnt man sich beim Zuschauen daran, dass die drei Tänzerinnen und drei Tänzer nicht zwei, sondern je vier Beine haben. Oder vier Arme, welcher Begriff auch immer passt für die gestreckten Gliedmaßen, die den ebenfalls gestreckten Rest des Körpers tragen. Der Mensch als Winkel. Der Hintern als Höhepunkt. Dies ausgerechnet «Standard» zu nennen, zeugt von...
Das Buch «Tanz verstehen» über die Schweizer Tanzkritikerin Ursula Pellaton ist bereits erschienen (tanz 2/21). Seit Dezember ist nun auch ein über dreistündiges Gespräch mit ihr auf der SAPA-Website, der Plattform des Schweizer Archivs für die Darstellenden Künste, aufgeschaltet. Streng genommen ist es kein Gespräch, denn die Interviewerin, die...
Spotlight
ASZURE BARTON
«Ich bin nicht Alexei Ratmansky», sagte Aszure Barton bedauernd in der tanz-Ausgabe vom Mai 2014, als sie auf das Genre Erzählballett angesprochen wurde. Dafür müsse man ein Meister sein, meinte die Choreografin – und das sei sie eben nicht. Deshalb hat sie Aufträge für Handlungsballette bislang stets abgelehnt und ausschließlich...
