Hofesh Shechter: «Grand Finale»

Produktion des Jahres: Apokalypse und Apotheose des Menschengeschlechts – ein Tanz-Manifest des 21. Jahrhunderts.

Schwefelgelbe Schwaden ziehen über das Salonorchester hinweg. Es schweigt, während der Tänzerpulk den ultimativen Rave eines unter-gehenden Zeitalters abfackelt. Bis irgendwer Franz Lehárs «Lippen schweigen, ‘s flüstern Geigen» in die Klangwellen spült, Walzerextrakt aus der «Lustigen Witwe» – Hitlers Lieblingsoperette. Toxischer Liebreiz zersetzt die Bilder, zerniert die dunklen Silhouetten darin. Ein Entkommen gibt es nicht. Hofesh Shechters «Grand Finale», für seine eigene fantastische Kompanie entworfen, ist Kriegs-, Wut-, Trauer-, Schmerztanz – alles in einem.

Ist antike Klage, barocker Seufzer, politisches Manifest. Ist Apokalypse und Apotheose des Menschengeschlechts, das sterben wird, so oder so. «Grand Finale» ist eine Zumutung. Und nichts als die Wahrheit. 


Tanz Jahrbuch 2018
Rubrik: Die Saison 2018/19: the winners are, Seite 124
von Dorion Weickmann