Herzlich radikal

Als «Rock Star of Dance» wird die Choreografin und Performerin nora chipaumire bezeichnet. Wie sie eine klare politische Haltung und animistische Praktiken zusammenbringt, berichtet Jenny Mahla

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«To stand in justice» – eine Faust breit Abstand zwischen den Füßen im aufrechten Stand und den Radius der ausgestreckten Arme – diesen Raum für sich zu beanspruchen, ist gerecht, wie nora chipaumire den Studierenden der Tanzwissenschaft an der Freien Universität Berlin ziemlich am Anfang ihrer Valeska-Gert-Gastprofessur erklärt hat. Die Professur hatte sie im vergangenen Wintersemester inne, und ich konnte mich immer wieder mit ins Studio schleichen, um praktische Eindrücke ihrer Arbeit zu gewinnen. Nicht nur mir gab chipaumire rasch das Gefühl, am richtigen Ort zu sein.

Teilhabe ist für sie ein universelles, sowohl persönliches als auch strukturelles Anliegen.

Die Forderung nach Gerechtigkeit erhebt die Künstlerin ausgehend vom eigenen Körper, vom persönlichen Raum. Und doch ist in ihrem Anspruch eine größere soziale Gerechtigkeit verankert. Als Schwarze Frau öffentlichen Raum einzunehmen, also darin repräsentiert zu sein, ist immer noch ein Thema. nora chipaumire ist in diesem Sinne ein Ausnahmebeispiel und vor allem eine unermüdliche Vorkämpferin, auch in der Tanzwelt.

Die Entscheidung, ihren Namen klein zu schreiben, ist ein politisches Statement: Aufbegehren gegen Dominanz und starre Regeln. Einerseits hinterfragt chipaumire damit grammatikalische Fixierungen. Andererseits ist es ein Verweis auf Feminist*innen wie die Autorin bell hooks und bezieht sich darauf, nur eine kleine Stimme innerhalb einer großen Bewegung zu sein. Was die Künstler*innen sagen und tun, ist wichtiger als die Person selbst. In dieser Hinsicht bewegt sich auch die international gefeierte Choreografin im Spannungsfeld zwischen lautstarker Widerständigkeit und Demut.

American Dream
Die 1965 im damaligen Rhodesien, heutigen Simbabwe, geborene Künstlerin gilt als führende choreografische Stimme des zeitgenössischen «African Dance». chipaumire studierte in Simbabwe zunächst Jura und beschloss mit 24 Jahren in die USA auszuwandern. Im Gepäck hatte sie nicht nur den Wunsch nach selbstbestimmter Freiheit, sondern auch die prägenden Erfahrungen ihrer Jugend in einem afrikanischen Land auf dem Weg zur Unabhängigkeit. Die Proteste und Demonstrationen, mit denen 1980 die Unabhängigkeit von der britischen Kolonialmacht tatsächlich errungen wurde, sind noch immer prägend für chipaumires künstlerisches Schaffen.

Ihre berufliche Laufbahn gleicht einer ins Künstlerische gewendeten Version des American Dream, doch die vierfache «Bessie-Award»-Gewinnerin hat nicht nur US-Bühnen wie das Joyce Theater in New York erobert. Vielmehr finden ihre visionären Arbeiten weit darüber hinaus Zuspruch, besonders in Europa. Dabei steht die fast 60-jährige Powerfrau meist selbst mit auf der Bühne. So auch in der Münchner Muffathalle, wo beim «Spielart»-Festival 2017 ihre provokative und eindringliche Performance «portrait of myself as my father» als Knaller gefeiert wurde. Über den Kreationsprozess erzählt nora chipaumire, dass sie und ihr Team mittels animistischer Praktiken quasi selbst zur Figur des verstorbenen Vaters geworden sind und seinen Geist verkörpert haben. In einer Art Manifest verhandelte chipaumire jedoch nicht nur die persönliche Geschichte ihres Vaters, sondern Schwarze Männlichkeit auf gesellschaftskritischer Ebene.

Räume zu teilen und Menschen zum Mitmachen einzuladen, spiegelt eine politische Philosophie von chipaumire wider. Statt klassischer Bühnensituationen mit der Trennung zwischen Publikum und Künstler*innen herzustellen, schafft sie häufig geteilte Räume und temporäre Gemeinschaften. So auch in der Performance «Shebeen Dub», im Februar als Teil des «Schall&Rausch»-Festivals der Komischen Oper Berlin präsentiert. Als eine Art gemeinsamer Clubbing Space bewegt sich das Stück zwischen Soundinstallation, Tanzperformance und Party. Die pulsierenden Dub-Bässe aus den aufeinander gestapelten Lautsprechern, die halb Bühnenbild und halb Soundwand bilden, lassen dem Publikum kaum eine andere Wahl als ebenfalls zu tanzen. Inhaltlich kreist die Arbeit um die Verwurzelung der elektronischen Dub-Musik in der afrikanischen Diaspora wie im Reggae. Ein Produkt des Kolonialismus, ist Dub auch mit dem transatlantischen Sklavenhandel verknüpft. Diese Realitäten performativ-musikalisch zu verhandeln und Schwarze Künstler*innen ins Zentrum zu stellen, ist eines von chipaumires Markenzeichen. Immer wieder greift sie an diesem Abend zum Mikro und lässt ihre Stimme in den elektronischen Klangteppich einfließen. Für chipaumire ist die Session eine Hommage an die afrikanischen Menschen, die gerade versuchen, unerträglichen Zuständen zu entkommen und die Sahara durchqueren oder im Mittelmeer ertrinken. Das mehrheitlich weiße Berliner Publikum darf ausgelassen zum Horror der Gegenwart tanzen, und chipaumire wirkt dabei nie zynisch oder verbittert. Vielmehr schaut sie der Realität mit klarem Blick ins Auge. Sie hat auf eigene Weise gelernt, ihr die Stirn zu bieten.

Immer wieder sind Herkunft und Identität ein zentraler Ausgangspunkt von chipaumires Arbeiten. Keineswegs verwunderlich für eine mehrfach diskriminierte Person. Unpolitisch zu sein, ist oft ein kaum reflektiertes Privileg von Menschen, die meinen, sich ob der eigenen (scheinbaren) Nicht-Betroffenheit nicht positionieren zu müssen. Doch das Bewusstsein für Ungerechtigkeit nimmt die Juristin als Schwarze Frau unweigerlich mit in ihr künstlerisches Schaffen. Dabei zieht sie die Menschen oft in eine Art Bann – konfrontativ, rhythmisch-musikalisch und kompromisslos.

Ohne Abstammung
Live-Musik spielt dabei eine wichtige Rolle. So liefert ihr gemeinschaftsstiftendes Potenzial beispielsweise die Grundlage des «nherera-HUB». Der Kulturraum wird von Frauen in Harare geführt, wo chipaumire ebenso lebt wie in New York. Er ist darauf ausgelegt, verschiedenste Künstler*innen zusammenzubringen und lässt Projekte wie die Band «nherera» entstehen. Nherera bedeutet in chipaumires Muttersprache Shona «ohne Abstammung» und wird vielfach für Waisen benutzt. Aber die Choreografin – selbst Angehörige der Shona – unterlegt breitere Bedeutungsebenen des Wortes. Mit neun weiteren Musiker*innen aus Simbabwe geht es darum, ohne (westlich) anerkannte Ausbildung oder Vorwissen entlang einer bekannten Tradition gemeinsam Musik zu machen. Sich mit dem eigenen Verstand durchzuschlagen, vor allem, wenn die Umstände widrig sind, sowie Kraft aus den Momenten des gemeinsamen Musizierens zu ziehen – das sind wiederkehrende Motive in chipaumires Schaffen. Auch spirituelle und animistische Aspekte prägen ihre Arbeiten. Die großangelegte Oper «NEHANDA» beispielsweise setzte sich mit der Legende der gleichnamigen Erscheinung der Shona-Kultur auseinander. Als mächtiger Geist, der nur Frauen bewohnt, wird Nehanda verehrt. Im späten 19. Jahrhundert war die Revolutionsführerin Charwe Nyakasikana sein Medium. Das Libretto von chipaumires Oper basiert auf dem historischen Gerichtsverfahren der britischen Kolonialmacht gegen den sogenannten Löwengeist: «The Queen vs. Nehanda» von 1898. Im Prozess der Arbeit hatte chipaumire sich mit ihrem künstlerischen Team zusammengetan, um selbst in eine Art Besitz des legendären Geistes zu kommen und zu versuchen, das geschehene Unrecht wiedergutzumachen. Ende letzten Jahres erhielt das Werk die Auszeichnung des «Grand Prix de la Danse de Montréal» – einer von zahlreichen Preisen, die nora chipaumire in den letzten Jahren zugesprochen wurden, nicht zuletzt in Simbabwe.

Ein langfristiges Forschungsprojekt ist «nhaka»: ein Prozess, der Theorie und Praxis verbindet und eine Kartografie des animistischen Körpers entwirft. Der Shona-Begriff bedeutet wörtlich übersetzt «Erbe», der Kontext des globalen Südens ist insofern relevant, als die animistischen Praktiken, die chipaumire gemeinsam mit weiteren Künster*innen erforscht, um die Potenziale radikaler Schwarzer Präsenz kreisen. Sich selbst, die eigene Herkunft und das kulturelle Erbe zu kennen, ist die Voraussetzung, um Fragen nach Gerechtigkeit oder ästhetischer Berechtigung aufzuwerfen. In Berlin hat chipaumire dank einer Residenz parallel zum Lehrauftrag ihre neueste Arbeit «Dambudzo» erarbeitet. Ihre teils langjährigen Mitstreiter*innen, allesamt Künstler*innen von Rang, nennt sie «corroborators» – eine Wortschöpfung, die auf Kollaboration und gemeinsame Raubzüge anspielt. «Dambudzo» feiert Mitte Juni im Wiener mumok als Koproduktion mit den Festwochen Premiere und setzt chipaumires langjähriges Bestreben fort, revolutionäre Potenziale zu ergründen und zu beleben. Das Projekt entsteht als Klang- und Skulptureninstallation wie auch als performatives Event. Die multidisziplinäre Arbeit trägt den Titel des Shona-Wortes für «Problem» oder «Ärger», zugleich spielt sie auf den mittleren Namen des aktuellen Präsidenten von Simbabwe an und auf die Probleme, die mit ihm einhergehen. Nicht zuletzt verweist es auf radikale Denker wie den Autor Dambudzo Marechera, dessen revolutionäre Bestrebungen sich mit chipaumires Denken verflechten. In einem Setting, das den sogenannten Shebeens, kleinen lokalen Bars, nachempfunden ist, wird das Publikum Teil einer Welt, in der Schwarze Körper und Stimmen von der Dringlichkeit der Straßenproteste und von Selbstermächtigung erzählen. Szenen des ausgelassenen Feierns und gemeinsamen Musizierens gehören dazu. Die Einladung, ja die Aufforderung zur Teilhabe formuliert chipaumire samt künstlerischem Team wie gewohnt: herzlich radikal.

«Dambudzo» bei den «Wiener Festwochen», mumok, vom 11. bis 23. Juni; www.mumok.at


Tanz Juni 2024
Rubrik: Menschen, Seite 22
von Jenny Mahla

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