halle: ralf rossa «die schneekönigin»
Wer eine märchenhaft idyllische Umsetzung der Vorlage Hans Christian Andersens erwartet, kommt gar nicht auf seine Kosten. Kein Weihnachts-Schneekitsch mit himmelstürmendem Finale wie in anderen Choreografien, sondern eine handfeste, bisweilen erschreckende Story um die Macht der Verführung. Sie beginnt mit einer Entführung: Gerdas Mutter wird von schwarz Gewandeten im Neonazi-Look aus dem Spiel mit der Tochter gekidnappt. Noch tummeln sich Kay und Gerda unterm Blütenbogen, umgeben von fröhlich hüpfenden Gefährten.
Die Schwarzen mischen sich unter die Schar, lassen Flugblätter abwerfen, schicken eine üppig aufgedonnerte Blondine mit Strumpfbändern zu Kay. Wer sich widersetzt, wird zusammengeschlagen, bis alle den Uniformierten nachlaufen. Fast alle. Nur Gerda widersteht den Verlockungen. Als die Dunklen scheinbar arglos Schneebälle werfen, sinkt eine Kurtine aus Schneekristallen herab, und in bombastischem Kostüm rodelt die Schnee-königin herein. Auf Kay hat sie es abgesehen, setzt begutachtend ihre Sonnenbrille ab, küsst ihm die Stirn. Nach einem Schleuderduett ist er ihr verfallen, fährt mit ihr in der Kutsche ab.
Die Schneekönigin ist ein Mann und weckt in ihrem gleißenden Weiß ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von tanz? Loggen Sie sich hier ein
- Alle tanz-Artikel online lesen
- Zugang zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von tanz
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Tanz Januar 2012
Rubrik: kalender und kritik, Seite 42
von Volkmar Draeger
Der Hut macht den Unterschied. Dieser Hut. Aber zuerst zieht sich Raphaëlle Delaunay in ihrem Stück «Eikon» die Trainingsjacke mit den drei Streifen über das weiße kreolische Spitzenkleid. Damit zelebriert sie noch keinen Michael Jackson. Aber sobald die ehemalige Solistin des Pariser Opernballetts diesen schwarzen Hut aufsetzt, den rechten Ellenbogen nach vorn...
«Hell is empty!», faucht es aus der Ecke. «And all the devils are here.» In dieser kalkweißen Bühnenwelt geht das Böse um. Nur: Wer oder was ist es? Die weiß maskierten Herren mit den Pappschwertern? Eric Beauchesne, der Mann mit dem Fünftagebart, der zu Beginn geduldig am Bühnenrand Pappschiffchen faltet? Oder Sandra Marin Garcia als Luftgeist Ariel, dessen...
Was sie lehrte und wofür sie brannte, verkörperte Gill Clarke mit Grazie. Die Intelligenz des Körpers zu enthüllen, ihn durchlässig und «sehbar» zu machen, war ihre Mission. Sie nannte ihre Forschungsreise «Mind in Motion» oder «Minding Motion». Ihr Unterricht blühte in einem Klima von Offenheit und Bereitschaft, das Selbst wie ein Instrument zu stimmen. Dieser...
