Gisèle Vienne «Extra Life»
Zwei Geschwister im Auto. Die beiden waren auf einer Party, im Anschluss sind sie losgefahren und irgendwo an einem Nicht-Ort stehengeblieben. Ein dunkler Parkplatz, Vögel zwitschern ungeduldig, bald dämmert es. Das Paar kichert, Chips werden gefuttert, Bier getrunken, wahrscheinlich sind auch Drogen im Spiel. Und die beiden erzählen, vertraut, distanziert, abgeklärt: von einer Missbrauchserfahrung, die sie als Kinder machten. Abgründe scheinen auf, nur notdürftig überdeckt von der Albernheit und der Unkonzentriertheit der zugedröhnten, übermüdeten Protagonist*innen.
Gisèle Viennes «Extra Life», uraufgeführt bei der «Ruhrtriennale» in Essen, dann beim «Internationalen Sommerfestival» in Hamburg und jetzt auf Tour durch Europa, beginnt als minimalistisches Sprechtheater: Menschen sitzen im Auto, sind nur schemenhaft zu sehen und diskutieren. Aber so einfach ist es bei Vienne nicht, ihre Arbeiten greifen aus in benachbarte Kunstgattungen, sind Objekt- und Puppentheater (auch diesmal sitzt eine lebensgroße Puppe beunruhigend auf der Rückbank). Die Diagonalen, die die Autoscheinwerfer in den Raum werfen, deuten darauf hin, dass der choreografische Blick der Künstlerin so wichtig ist ...
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Tanz Oktober 2023
Rubrik: Kalender, Seite 43
von Falk Schreiber
Auf einer zentralen Einkaufsstraße Montréals zieht eine große Gruppe bunt gekleideter Tänzer*innen ihre Kreise. Panflöten erklingen, Klatschen und Gesang. Passant*innen und Theatergänger*innen sammeln sich um die Tanzenden, aus den Fenstern des Fitnessstudios wie der anliegenden Geschäfte schauen Neugierige. Unter den Tanzenden in ihren traditionellen Gewändern...
Die Salzburger Felsenreitschule ist an sich schon eine Sensation. Vierzig Meter breite Bühne, dahinter dreistöckige Arkadengänge – die reine Naturkulisse. Einst diente der extravagante Bau als Trainingsfläche erzbischöflicher Reitersleute, sodann als Arena sogenannter Tierhatzen, bei denen animalische Kombattanten aufeinander losgelassen wurden. Das Publikum...
Da steht er also, auf Abschiedstour mitten in der Kantine der Deutschen Oper – ein Hauch von Edelrestaurant mit angeschlossenem Theatertreff. Gerade hat Johnny McMillan sein Fach ausgeräumt, sich von den meisten Kolleg*innen verabschiedet, die eine oder andere Träne verdrückt – «sentimental journey». Am Abend wird er noch mal mit den anderen auf der Bühne stehen,...
