Exhumierte Exotik

Was wäre das Ballett ohne seine Klassiker, ohne Nationalkolorit und Folklore-Tänze? Wie sich Rekonstruktion und Postkolonialismus zueinander verhalten, beleuchtet die Tanzwissenschaftlerin Claudia Jeschke

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Historisch informierte Inszenierungen von Ballettklassikern erfreuen sich seit einigen Jahren großer Beliebtheit. Mithilfe historischer Dokumente und Archivmaterialien wird dabei der Versuch einer größtmöglichen Annäherung an das Original unternommen. Entsprechend profilierte Aufführungen von «Le Corsaire», «Paquita» oder «La Bayadère» – um nur einige Beispiele zu nennen – geraten derzeit allerdings auf doppelte (und paradoxe) Weise ins Visier.

Auf der einen Seite beinhalten sie exotische, nationale oder folkloristische Elemente und sehen sich der Forderung aus Kritik und Kulturwissenschaft ausgesetzt, fremde und deshalb kolonialismusverdächtige Narrative zu entschleiern. Auf der anderen Seite unterstreicht jede dieser kinästhetisch opulenten Re-Konstruktionen, welche Bedeutung die Tanzvergangenheit besitzt. Wie also verhalten sich die Appelle postkolonialer Theorie und die derzeitige Aufwertung tanztheatraler Archäologie zueinander? 

Das Diskursgespenst: Fremdheit aus postkolonialer Perspektive

Der Tanz im 19. Jahrhundert ist durchzogen von Komponenten der Fremdheit – einer Fremdheit, die der Widerschein europäischer Kolonialisierungen auf dem Theater ist. Die mit Nachdruck ...

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Tanz Juni 2019
Rubrik: Ideen, Seite 50
von Claudia Jeschke

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