Enfant terrible

In Paris wurde er ausgeladen, in München durfte er tanzen. Sergei Polunin hat auf Instagram gepostet und sich ziemlich in die Bredouille gebracht. Wie er selbst die Sache und seine Zukunft sieht.

Sergei Polunin, 2012 vom Royal Ballet in London abgesprungen und seitdem als Gaststar von Moskau bis München tätig, ist ein interessanter Fall. Die einen regen sich über sein Putin-Tattoo auf, die anderen über Posts, mit denen er Dickleibige und vermeintlich effeminierte Tänzer attackiert.

Die dritte Fraktion wiederum zuckt mit den Achseln und meint – solange er gut tanzt, so what? Zwei Ballettdirektoren haben am Jahresanfang auf Polunins via Instagram verbreitete Äußerungen reagiert, und zwar höchst unterschiedlich: Aurélie Dupont annullierte sein Engagement für eine «Schwanensee»-Serie an der Pariser Oper, Igor Zelensky hielt an Polunins Erscheinen in der «Raymonda»-Aufführung des Bayerischen Staatsballetts fest. Was sagt Polunin selbst zu den Aufregungen um seine Person? Das will er, so heißt es von seinen Agenten, erst nach dem Moskauer Debüt von «Sacre du printemps» erzählen – das sich als Solo-Format und Feuertaufe entpuppt. Denn der gebürtige Ukrainer hat im November 2018 die Staatsbürgerschaft gewechselt. Moskau bedeutet für ihn demnach neuerdings: Heimspiel. Danach ist er ausgesprochen auskunftsfreudig.

Sergei Polunin, wie kommt es, dass ich als Tanzkritikerin mehr über Ihre Tattoos weiß, als ich je wissen wollte? 
Das war nicht meine Absicht. Aber ich hatte ein Interview im Staatsfernsehen, da hat man mir neun Fragen zu meinen Tattoos gestellt – und genau eine einzige zu meiner Kunst.

Das haben Sie doch wohl auch ein Stück weit provoziert. Sie haben sich erst ukrainische Embleme stechen lassen, dann russische! Und das in einer mehr als kritischen politischen Lage zwischen beiden Staaten.
Ich möchte eine Brücke zwischen der Ukraine und Russland sein. Und was das Putin-Konterfei auf meiner Brust betrifft: Ich habe den Präsidenten getroffen, aus der Nähe erlebt.  Es ist sehr hart, sich so einsam zu fühlen, total allein – zumal wenn man so viele Gegner hat. Ich habe das am eigenen Leib erfahren und erfahre es immer noch.

Nun besitzen Sie ja das, wovon jeder russische Balletttänzer träumt: Verträge mit groen Häusern im Westen. Aber das Pariser Engagement haben Sie kürzlich verloren. Gehe ich recht in der Annahme, dass Sie Ihre Eskapaden – in dem Fall die Posts, die Ballettdirektorin Aurélie Dupont zur Absage bewogen haben – bereuen?
Ich fühle durchaus eine Art Schuld, also muss ich bestraft werden. Ja, das stimmt wirklich. Aber zugleich sehe ich, dass da auch künstlerischer Neid eine treibende Kraft ist. Ich habe eine Menge davon in London erlebt und teilweise an -anderen Theatern. Niemand will Platz machen. Ich bin sicher, das hat bei der Pariser Absage auch eine Rolle gespielt. Und ich glaube, dass Aurélie Dupont mir etwas anderes anbieten wird, wenn sich der Rauch verzogen hat.

Das glauben Sie ernsthaft?
Ich hoffe es. Ich habe angefangen, mehr an mir zu arbeiten, an meiner Disziplin. Und die, die das wissen müssen, haben es auch erfahren. 

Ihre zweiteilige «Sacre»-Version ist von Traurigkeit geprägt. Der erste Teil zeigt einen einsamen Helden, umringt von falschen Freunden; der zweite kreist um Vaslav Nijinskys Wahnsinn. Ist Ihr Dasein so von Schmerz verschattet?
Ich habe das jahrelang so empfunden. Im Moment nicht. Die zwei Teile handeln von Veränderung, von der Maske des Bösen, und wie sie fällt. Irgendjemand hat Nijinsky und mich verglichen, aber das interessiert mich gar nicht. Ich kann mich in ihn einfühlen und ihn sehr gut verstehen. Er hat nicht umrissen, ob er selbst verrückt ist – oder ob die Welt ringsum verrückt ist. Das ist ja auch eine ewige Frage.

Sie haben hier in Moskau eine Masterclass für Jugendliche gegeben, ich habe mir das angeschaut und den Eindruck mitgenommen, dass Sie eine Veränderung, einen Karriereschritt vorbereiten. Sie wirkten total inspiriert, die Kinder auch. Das war eine Überraschung für mich. Ich habe eine Menge darüber nachgedacht, wo die Kindheit in der Ballettausbildung bleibt. Ich habe das ja selbst erlebt, und jetzt ist die Zeit reif für mich, etwas zu tun. Die Masterclasses sind Teil meines «Sacre»-Projektes. Außerdem will ich meine Fähigkeiten als Lehrer unbedingt ausbauen und Jugendlichen zugute kommen lassen. Ich möchte Großes erreichen, und ich hoffe, dieses Ziel im Unterrichten zu verwirklichen.

Die derzeitige Ballettausbildung halten Sie für unbefriedigend?
Gewiss. Aber meine Aufmerksamkeit richtet sich vor allem auf Länder, die im Ballett noch Nachholbedarf haben – -Indien, China, die weniger ballettaffinen Regionen Russlands. 

Was haben Sie genau vor?
Ich denke an ein großes Projekt mit Ballettklassen in Indien. Die Menschen dort sind sehr arm. Millionen Kinder haben keine Kindheit und keinen Traum. Ballett ist ja nicht nur grausam – es kann wirklich ein Traum sein! Ich stelle mir vor, dass die Kinder Tanzunterricht kriegen, sich danach duschen können und etwas zu essen bekommen. Ich möchte ihnen die Chance eröffnen, eine andere Welt kennenzulernen – und genau das kann die Ballettwelt sein, schließlich bin ich Tänzer! Ich will die Kräfte für das Projekt in Russland, China und Indien bündeln, weil ich dort das größte Potenzial sehe. 

Und was ist mit dem Westen, wo Sie immer noch viele Fans haben? Wie sieht es aus mit Ihren Verpflichtungen in München?
Die bestehen weiter. Ich möchte mit dem Bayerischen Staatsballett arbeiten, weil man mich dort mag. Und Ballettchef Igor Zelensky hat in meinem Leben eine wesentliche Rolle gespielt.- Er hat mir geholfen, als ich Hilfe brauchte …

... nachdem Sie das Royal Ballet verlassen hatten, er war damals ja Ballettdirektor in Moskau. Genau. Jetzt ist es so, dass manchmal Igor mir hilft, und manchmal helfe ich Igor.

Und in Indien haben Sie auch Unterstützung?
Ich hoffe, sonst würde ich gar nicht darüber reden. Ich bin im Gespräch mit einem indischen Geschäftsmann. Warten wir mal ab, ich möchte noch nicht mehr sagen. Aber ein «Tag des Kinderballetts» in Indien – der Vorschlag ist dort schon mal gut angekommen.

Es ist nicht unbedingt erstrebenswert, dass Wünsche wahr werden. Sergei Polunin wollte kein festes Engagement mehr, sondern frei sein. So geschah‘s. Dafür ist er nun mit mehreren Agenten zugange, deren Aufgabenbereiche nicht mal klar abgegrenzt sind, und in einer anderen Art von Abhängigkeit gelandet. Freiheit ist für ihn immer noch eine Illusion. Der Verlust an Ansehen, den er sich zuletzt eingehandelt hat, lässt sich nicht kaschieren. Seine Fans mögen ihn mit Nijinsky vergleichen, aber Polunin ist kein «Clown Gottes». Er bereitet zu viel Ungemach, auch sich selbst. 

Vielleicht ist Polunin ein typischer Vertreter jener Leute, die in der postsowjetischen Gesellschaft am schlechtesten dran sind. Auf seiner Biografie lasten familiäre Hypotheken: Eine Großmutter war Krankenschwester in Griechenland, der Vater Arbeiter in Portugal, die Mutter entwickelte sich zur Ballettmutti aus dem Bilderbuch – versessen auf den sozialen Aufstieg ihres Sohnes. Mag sein, dass diese Konstellation Rachegelüste in ihm züchtete. Er ging nach England, ohne Englisch zu sprechen: ein Fremder. Er wollte cool sein wie andere Jungs auch. Derweil zerbrach die Ehe der Eltern, das Zuhause hinter seinem Rücken.

Auf der einen Seite ist Polunin ein Opfer: Es gibt weltweit Programme, um Geflüchtete aufzufangen und zu integrieren. Aber niemand kümmert sich um Ausnahmetalente, die irgendwo in der Diaspora aufschlagen. Niemand kümmert sich um die verschobene Weltsicht, die in Kinderköpfen entsteht, wenn Vierjährige auf eine Ballettkarriere getrimmt werden.

Andererseits macht Polunin andere zum Opfer, etwa mit homophoben Aussagen. Der fast 30-Jährige ist viel stärker von der postsowjetischen Ära geprägt, als man vermuten würde – und in jedem Fall mental eher postsowjetisch als westlich orientiert. Dieses Denken beinhaltet auch die Überzeugung, dass man nur in einem totalitären Staat für das bestraft werden kann, was man sagt. Wenn eine Äußerung Skandal macht – kein Problem! Dass sie in der freien Welt zum Boykott der eigenen Person führen kann, scheint Polunin zu überraschen. Weil er nicht vermutet hat, dass Freiheit und Verantwortung hier Hand in Hand gehen. 

Wenn wir das «Phänomen Polunin» allgemeiner betrachten, stellt sich die Frage: Muss ein Mensch seinem Talent auch dem Verhalten nach unbedingt gerecht werden, oder darf er sich davon lösen? Mehr noch: Inwiefern muss gerade der Künstler zwischen dem eigenen Bewusstsein, der eigenen Verantwortung einerseits und den gesellschaftlichen Erwartungen andererseits eine Balance finden – oder gelten die gleichen Erwartungen für alle, ob sie nun Künstler, Personen des öffentlichen Interesses oder einfach nur zivilisierte Bürger sind?


Tanz April 2019
Rubrik: Menschen, Seite 26
von Leila Guchmazova