Biomacht
Die Tänzer treten nacheinander auf. Jeder von ihnen eine vollkommene Monade, die einsam um sich selbst kreist, melancholisch oder wütend in den eigenen Körper verbohrt. Doch dann passiert etwas Unerhörtes. Zwei Tänzer nähern sich immer mehr einander an. Spannung baut sich bei den Zuschauern in einer der raren Vorstellungen der letzten Monate auf – sie werden doch nicht? Doch. Plötzlich sind die beiden Körper ineinander verschlungen. Sie brechen ein Verbot und zeigen, was nicht mehr sein darf: Berührung.
Es brauchte nur ein paar Tage, dann waren wir alle schon konditioniert: Anfassen ist nicht. Kaum war das Wort vom «Social Distancing» in der Welt, reagierte das Hirn schon leicht alarmiert, wenn im Film eine Frau mit ihrer Freundin den Eislöffel teilte. Oder Filmküsse unter Frischverliebten? Geht gar nicht. Unser Denken – es ist längst corona-infiziert. In jedem Körper lauert nun potenziell der Todfeind. Wir können ihn nicht hören, nicht schmecken, nicht riechen. Aber wir wissen: Er ist da. Mit einem Hauch kann er in uns dringen. Ja, er kann längst in uns sein, ohne dass wir es spüren. Wir können unserer Wahrnehmung, unseren eigenen Körpern nicht mehr trauen.
So ist der Körper des ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von tanz? Loggen Sie sich hier ein
- Alle tanz-Artikel online lesen
- Zugang zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von tanz
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Tanz Jahrbuch 2020
Rubrik: Jahrbuch 2020, Seite 30
von Nicole Strecker
An einem Mittwochmorgen sitze ich um sieben Uhr mit meinem Laptop im Garten, umgeben von einem grünen Dschungel. Absolute Stille. Ein makellos blauer Himmel. Amseln und Rotkehlchen zwitschern. Zum ersten Mal seit 35 Jahren im Homeoffice erlebe ich als im Theater tätige Ehefrau und Mutter zweier Kinder fast einen ganzen Frühling vom frühen Morgen bis zum späten...
Trotz einer virusbedingt verstümmelten Saison konnten die Fans des klassischen Balletts in Russland zwei bemerkenswerte Premieren erleben. Eine davon, die Petipa-Rarität «Der Talisman» von 1889, rekonstruierte der in Japan lebende Bolschoi-Akademie-Absolvent Alexander Mishutin am Staatlichen Opern- und Balletttheater von Ulan-Ude, der Hauptstadt der russischen...
Ritsch – an diesem Abend wird so manches Zündholz angerissen. Uns soll ein Licht aufgehen über die Auswirkungen sozialer Vereisung auf die Schwächsten. Doch dies ist kein Stück mit erhobenem Zeigefinger, sondern ein fantastisch glühendes Gesamtkunstwerk, ein Plädoyer für mehr Mitmenschlichkeit. Über zwanzig Jahre nach der Uraufführung 1997 in Hamburg ist Helmut...
