Biomacht

Der Körper in Zeiten seines verordneten Verschwindens

Die Tänzer treten nacheinander auf. Jeder von ihnen eine vollkommene Monade, die einsam um sich selbst kreist, melancholisch oder wütend in den eigenen Körper verbohrt. Doch dann passiert etwas Unerhörtes. Zwei Tänzer nähern sich immer mehr einander an. Spannung baut sich bei den Zuschauern in einer der raren Vorstellungen der letzten Monate auf – sie werden doch nicht? Doch. Plötzlich sind die beiden Körper ineinander verschlungen. Sie brechen ein Verbot und zeigen, was nicht mehr sein darf: Berührung.

Es brauchte nur ein paar Tage, dann waren wir alle schon konditioniert: Anfassen ist nicht. Kaum war das Wort vom «Social Distancing» in der Welt, reagierte das Hirn schon leicht alarmiert, wenn im Film eine Frau mit ihrer Freundin den Eislöffel teilte. Oder Filmküsse unter Frischverliebten? Geht gar nicht. Unser Denken – es ist längst corona-infiziert. In jedem Körper lauert nun potenziell der Todfeind. Wir können ihn nicht hören, nicht schmecken, nicht riechen. Aber wir wissen: Er ist da. Mit einem Hauch kann er in uns dringen. Ja, er kann längst in uns sein, ohne dass wir es spüren. Wir können unserer Wahrnehmung, unseren eigenen Körpern nicht mehr trauen.

So ist der Körper des ...

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Tanz Jahrbuch 2020
Rubrik: Jahrbuch 2020, Seite 30
von Nicole Strecker