Atemlos

Konflikten geht er nie aus dem Weg. Nir de Volff liebt die Provokation. Auch als Choreograf der frisch gegründeten Leipziger Forward Dance Company.

Lößnig im Süden von Leipzig, im Revier der Plattenbauten. In einem Pavillon zwischen Vielfamilienhäusern probt Nir de Volff ebenerdig auf einer Probebühne des Leipziger Tanztheaters. Metallrampen überbrücken Kabel und Türschwellen. Hinterm Haus steht leihweise eine geräumige Klokabine, denn zwei von sechs Mitgliedern der nagel­neuen Forward Dance Company fahren Rollstuhl. Das ist Neuland für den israelischen Choreografen, dem ein wundersamer Ruf vorauseilt. Er könne alle zum Tanzen bringen: Schauspieler, Sänger, Tänzer, 92-Jährige, Kickboxer und Pianisten.

Warum nicht auch Menschen mit eingeschränkter Bewegungsfreiheit? Nir de Volff, 46, schaut auf das Geschehen vor sich. Der von der Glasknochenkrankheit gezeichnete Iñigo Martínez Laudio robbt über den Boden, seinen Mitspielern hinterher, um Hilfe rufend. Aber er wirkt zu schwach. Nir de Volff feuert den Spanier an: «Gib mehr Stimme!». Der Tänzer rudert mit den ­Armen, wird wütender, als er die Stimme endlich hebt. Schwerer Atem gibt ihm Kraft.

Irrwisch mit Stehvermögen

«Das ist eine ganz neue Situation», sagt Nir de Vollf, der zuletzt einer wilden Dreizehn aus europaweit zusammengewürfelten Akteuren im Rahmen des Programms ...

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Tanz Januar 2021
Rubrik: Menschen, Seite 23
von Arnd Wesemann

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