Toboggan Man von Lavinia Schulz und Walter Holdt.

Arte Povera

Lavinia Schulz und ihre Maskentänzer

An Lavinia Schulz kommt man nicht vorbei. Zumindest nicht in Hamburg, wenn man die U-Bahn benutzt. Ein hell erleuchteter Foto-Fries lässt ihre grotesken Gestalten wiederauferstehen. Wer sich des «Triadischen Balletts» erinnert, wird vielleicht für einen kurzen Besinnungsmoment innehalten. Informationen gibt es ist jedenfalls nicht im Durchgang unweit des Hauptbahnhofs.

Man muss schon in den ersten Stock des benachbarten Museums für Kunst und Gewerbe hinaufsteigen, um in der Abteilung Moderne mehr zu erfahren über die expressionistischen Maskentänze, die seinerzeit in den Zeitungen ein durchaus euphorisches Echo fanden. 

So schreibt Erich Lüth 1924 nach einer Aufführung im Rahmen des Künstlerfests «Cubucuria» im «Hamburger Anzeiger»: «Hier kriecht der Leib, seine eigene Wesenheit verlierend, hinein ins Gehäuse aus Glas und Holz, in rasselnde Gelenke, in kantig scharfe, flächig breite Hüllen, die eine seltsame Projektion vertrackter Seelen auf tote Dinge darstellen, die ein eigenes fantastisch-ungeheuerliches Leben bekommen, eine fast ‹abstrakte Organik›.» Auch wenn die Ganzkörpermasken nicht mehr die einstige Lebendigkeit besitzen, lässt ihr Zusammenspiel zumindest ahnen, wie bizarr ihre Bewegtheit gewesen ist. Lavinia Schulz hat ihre Kostümierung aus Abfallprodukten hergestellt, aus Garnrollen, Sieben, Sperrholzplatten oder Verpackungsresten, und bei aufwendiger Verarbeitung durchweg faszinierende Fantasiewesen erstehen lassen. Nicht zufällig hören sie auf so eigenartige Namen wie «Toboggan», «Krippefix», «Skirnir» oder «Springvieh». Nicht zufällig ist das verwendete Material so billig. Das «Verkaufen von Geistigem an das Geld», so das Credo von Lavinia Schulz, sei schließlich «eine Todsünde». 

Bevor noch der Begriff «Arte Povera» geprägt wird, leben ihn «Die Maskentänzer» Lavinia Schulz und Werner Holdt beispielhaft, wenn auch auf selbstzerstörerische Art. Beide haben sich ihre Kunst buchstäblich vom Munde abgespart. «Entbehrung, Hunger, Kälte, nordische Landschaft mit Sturm, Eis und Katastrophen: Das sei ihre Welt», zitiert der zeitweilige Mitbewohner Hans Heinz Stuckenschmidt die «erste Schülerin» von Lothar Schreyer, die Jahre zuvor noch an der Berliner Sturmbühne als nackte Susanna einen Skandal ausgelöst hat. Zuletzt am Hungertuch nagend, sieht Lavinia Schulz, gerade mal -28 Jahre alt, am Ende keinen anderen Ausweg mehr als den Tod. Am 18. Juni 1924 erschießt sie erst ihren Partner und Ehemann, wenige Stunden später sich selbst. 

Das gemeinsame Kind überlebt. Auch das gemeinsame Lebenswerk. Nach einer Gedächtnisausstellung im März 1925 werden die Masken, Kostüme, Tanzschriften, Notizen und Notate in Kisten verpackt und geraten, aus welchen Gründen auch immer, völlig in Vergessenheit. Erst 1988 werden sie auf dem Dachboden des Museums wiederentdeckt und – von der Musikhistorikerin Athina Chadzis in ihrer Magisterarbeit aufgearbeitet – der Öffentlichkeit im Rahmen einer Installation wieder vorgestellt. Das «Triadische Ballett», zur selben Zeit in der Hinterhofwerkstatt eines Cannstatter Wohnhauses entstanden, ist nach wie vor auf der Bühne präsent. Warum nicht auch die Maskentänze? Sie sind Schlemmers Eingebungen durchaus ebenbürtig. Gesucht wird: ein Gerhard Bohner, der das tote Material wieder zu einem Ereignis macht.

Am 21. März wurde am ehemaligen Besenbinderhof, dem Ort ihres Todes, eine Gedenktafel enthüllt. Im Garten der Frauen auf dem Ohlsdorfer Friedhof ist Lavinia Schulz ein Stein der Erinnerungsspirale gewidmet.

Alle Maskentänzer finden Sie hier.  

www.mkg-hamburg.de 


Tanz Juni 2019
Rubrik: Bewegung, Seite 4
von Hartmut Regitz