apotheose des opfers

In Osnabrück entsteht Mary Wigmans «Sacre» von 1957 neu, entlang gut erhaltener Notationen und verblassender Erinnerungen ihrer ehemaligen Tänzerinnen. Die Initiative ergriff die Doyenne der aufgelösten Mary-Wigman-Gesellschaft, Patricia Stöckemann

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1973, mit dem Tod von Mary Wigman, gelangten die umfänglichen, von ihr selbst akribisch (aus-)sortierten Aufzeichnungen ans Berliner Archiv der Akademie der Künste (West). Das geschah in einer Zeit, als die Aufarbeitung des Nationalsozialismus hoch oben auf der Fahne stand und eine These schnell die Oberhand gewann: Alle Künstler, die sich bis 1945 nicht eindeutig im Widerstand oder im Exil befanden, genossen mindestens die Sympathie der Nazis – somit auch die Tänzerin, Pädagogin und Choreografin Mary Wigman.

Derlei Behauptungen benötigten oft nur mäßig kräftige Argumente, hier die der «Grotesktänzerin» Valeska Gert: «Eine Tanzdarbietung», sagte sie, «muss nach saurem Schweiß riechen, ethisch sein, wirrgeistig und langweilig. Genialität ist weniger erwünscht als Solidität. Weil der Durchschnittsdeutsche kein Selbstvertrauen hat, hält er nur die Kunst für groß, die er nicht versteht und die ihn langweilt. Mary Wigman erfüllt als einzige Tänzerin alle diese Bedürfnisse des deutschen gebildeten Mittelbürgers und ist darum zur Nationaltänzerin geworden.»

Die Mary-Wigman-Gesellschaft, am 23. November 1986 zu Wigmans 100. Geburtstag gegründet und nach genau 25 Jahren wieder aufgelöst, ...

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Tanz November 2013
Rubrik: traditionen, Seite 56
von Arnd Wesemann

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