Ästhetik des Abstands

Kontaktvermeidungsimprovisation ist der prägende Trend – auch im Foyer

In der sechsten Woche der wegen der Corona-Pandemie geschlossenen Theater streamt das Hamburg Ballett «Tod in Venedig»: 2001 von John Neumeier choreografiert nach der Novelle von Thomas Mann. Es geht um einen Choreografen im von der Cholera bedrohten Venedig, er muss Abstand halten zu anderen Menschen. Aber Abstand ist ein Ding der Unmöglichkeit in der Kunst. Weil Kunst heißt, dass man sich berühren lässt, dass man sich verletzt, dass man sich anfasst. Natürlich stirbt der Protagonist an der Cholera.

Die Analogie zur gegenwärtigen Situation drängt sich auf, aber sie führt ins Leere. Das von Neumeier beschriebene Thomas-Mann-Venedig hat wenig zu tun mit der Bundesrepublik zu Corona-Zeiten. Einen Zwang zur Quarantäne im Alltag, einen echten Lockdown gab es nicht, auch wenn dieser unermüdlich von Rechtsaußen und von Verschwörungsraunern behauptet wird. Allerdings mit einer großen Ausnahme: Kulturelles Leben findet tatsächlich kaum mehr statt, hier kann man von einem Lockdown sprechen. Die Theater etwa blieben (vielfach bis Saisonende) geschlossen, die Abstandsregeln verbieten jeden halbwegs normalen Vorstellungsbetrieb, mehrere Meter Sicherheitsabstand lassen sich weder im Publikum ...

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Tanz Jahrbuch 2020
Rubrik: Jahrbuch 2020, Seite 57
von Falk Schreiber

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Zeitschrift für Ballett, Tanz und Performance

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