Ästhetik des Abstands
In der sechsten Woche der wegen der Corona-Pandemie geschlossenen Theater streamt das Hamburg Ballett «Tod in Venedig»: 2001 von John Neumeier choreografiert nach der Novelle von Thomas Mann. Es geht um einen Choreografen im von der Cholera bedrohten Venedig, er muss Abstand halten zu anderen Menschen. Aber Abstand ist ein Ding der Unmöglichkeit in der Kunst. Weil Kunst heißt, dass man sich berühren lässt, dass man sich verletzt, dass man sich anfasst. Natürlich stirbt der Protagonist an der Cholera.
Die Analogie zur gegenwärtigen Situation drängt sich auf, aber sie führt ins Leere. Das von Neumeier beschriebene Thomas-Mann-Venedig hat wenig zu tun mit der Bundesrepublik zu Corona-Zeiten. Einen Zwang zur Quarantäne im Alltag, einen echten Lockdown gab es nicht, auch wenn dieser unermüdlich von Rechtsaußen und von Verschwörungsraunern behauptet wird. Allerdings mit einer großen Ausnahme: Kulturelles Leben findet tatsächlich kaum mehr statt, hier kann man von einem Lockdown sprechen. Die Theater etwa blieben (vielfach bis Saisonende) geschlossen, die Abstandsregeln verbieten jeden halbwegs normalen Vorstellungsbetrieb, mehrere Meter Sicherheitsabstand lassen sich weder im Publikum ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von tanz? Loggen Sie sich hier ein
- Alle tanz-Artikel online lesen
- Zugang zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von tanz
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Tanz Jahrbuch 2020
Rubrik: Jahrbuch 2020, Seite 57
von Falk Schreiber
2007 saß ich in einem Flugzeug von Melbourne nach Paris. Wir hatten gerade «The Show Must Go On» gespielt. In den Zeitungen an Bord las ich einen Artikel, in dem es hieß, dass aufgrund der Klimaerwärmung jede*r seine CO2-Emissionen reduzieren müsse. Mit mir waren 20 Tänzer*innen im Flugzeug. Sofort kam mir die Idee, künftig nicht mehr mit der ganzen Kompanie zu...
Ich zitiere sehr häufig einen Satz aus Amin Maaloufs Buch «Le Dérèglement du Monde» («Die Auflösung der Weltordnungen»): In Krisenzeiten sollte man (viel mehr!) in Kultur, Wissenschaft und Bildung investieren, denn kreative Lösungen dürfen wir von den Banken nicht erwarten.
Das ist alles.
Weitere Antworten auf die Frage, was bestehen bleiben muss und was sich...
Ich befinde mich am Anfang meiner Reise mit Dansens Hus, dem Gastspielhaus für zeitgenössischen Tanz in Stockholm. Diese Reise beginnt in einer Zeit, in der es gesellschaftlich um Zusammenbruch, Veränderung und Hoffnung geht, auch in der Kunst. Ich möchte mit Dansens Hus einen nachhaltigen Bestandteil der Infrastruktur des zeitgenössischen Tanzes schaffen.
Heraus...
