1968

Studentischer Protest landauf, landab. So endete die Grabesstille der Nachkriegszeit. Wie der gesellschaftliche Aufbruch auch den Tanz umgekrempelt hat, schildert Eva-Elisabeth Fischer

Für die Künste war und ist es immer dann einfach, sich aus der Politik und gesellschaftlichen Umwälzungen herauszuhalten, wenn die Künstler stillhalten. Das gilt besonders für das Ballett, die eskapistische Kunst schlechthin, die bis zum 19. Jahrhundert nur als Zerstreuung zwischen allem szenisch Gewichtigen diente. Es gilt aber auch insgesamt für den Tanz als mal gefühlige, mal märchenhaft verträumte, stets aber bravouröse Unterhaltung, egal, ob im Spitzen- oder Steppschuh, auf hohen Hacken oder nackter Sohle.

Nur bei genauerem Hinsehen offenbaren sich jenseits wechselnder Stile ideologische und politische Bezüge. Das Ballett hat andererseits selbst jede politische Instrumentalisierung unbeschädigt überstanden. So ist man zum Beispiel bei Yuri Grigorovichs Heldendrama «Spartacus» geneigt, die fesselnden Tanzszenen samt ihren grandiosen Charakteren über die pathetisch vermittelte real-sozialistische Opfer-Ideologie zu stellen. Im chinesischen Ballett «Das rote Frauenbataillon» belächelt man heute die zierlichen Ballerinen als Flintenweiber in Uniform, die im Grand jeté über die Bühne jagen. Darüber wird gern vergessen, dass es die treibende Kraft der blutigen Kulturrevolution war, ...

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Tanz Mai 2018
Rubrik: Traditionen, Seite 56
von Eva-Elisabeth Fischer