Rampentheater, auseinandergezogen

München: Bayerische Staatsoper: Beethoven: Fidelio

Dem Feind Säure ins Gesicht geschüttet, den Gatten befreit, «namenlose Freude» besungen – doch da gibt es noch vier weitere Gefangene. Aufgeteilt auf drei Käfige schweben sie vom Schnürboden. Vier Herren im Frack sind das, Streicher des Bayerischen Staatsorchesters, die Partiturfremdes spielen: das Adagio aus Beethovens Quartett op. 132. Jenen «Dankgesang eines Genesenen an die Gottheit», der berührt, innehalten lässt, den Augenblick viel besser kommentiert und überhöht als manch plakativ gestaltete «Leonoren»-Ouvertüre. Ein Moment, der den enttäuschenden Abend (fast) rettet.



«Fidelio» einmal nicht als Fascho-Drama, das ist – nach all den erschöpfend inszenierten Diktatur-Variationen – eine grundsätzlich sympathische Entscheidung. Ebenso die Eliminierung vieler Holperdialoge zugunsten überraschend passender Texte von Jorge Luis Borges. Regisseur Calixto Bieito zielte bei seinem späten Debüt an der Bayerischen Staatsoper auf anderes: auf die Freilegung des individuellen Konfliktfeldes, in dem sich Leonore und Florestan bewegen. Folgerichtig ließ er sich von Rebecca Ringst eine monumental aufragende Labyrinthkonstruktion bauen, durch die das Personal in zuweilen lähmender ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Februar 2011
Rubrik: Panorama, Seite 42
von Markus Thiel

Weitere Beiträge
Der Duft wird Klang

Am 14. September 1971 gab Dietrich Fischer-Dieskau in der Berliner Philharmonie einen von Daniel Barenboim begleiteten Liederabend, dessen Mitschnitt nun erstmals vorliegt. Das Programm mit frühen Gesängen, den «Liedern eines fahrenden Gesellen» und einigen Rückert- bzw. «Wunderhorn»-Liedern bildet eine Auswahl der 1978 für EMI entstandenen Studioproduktion, bei...

Kontrollierter Wahnsinn

Auf dickbäuchigen, polierten Granitsäulen ruht das Gewölbe des Antwerpener Opernrestaurants, einer Mischung aus Ratskeller und Edelschwemme, Biergläser knallen auf verzinkte Tresen, man kann sich nur brüllend verständigen. Selbst nach einem großen Opernereignis wie Rossinis «Semiramide» – denn immer ist diese hypertrophe Herausforderung ans Stimmen- und...

Die Klassenkämpferin

Kaum ein Repertoire-Hit ist derart umstellt von Klischees wie «Carmen». An der Bonner Oper verweigert der junge Regisseur Florian Lutz jede Bilderbuch-Spanien-Folklore und spielt allenfalls ironisch aufs Lokalkolorit an, wenn er vereinzelt ein paar Volants und gepunktete Röcke aufblitzen lässt (Bühne und Kostüme: Andrea Kannapee). Stattdessen spitzt er das sattsam...