Wunschkonzert

Darmstadt: Beethoven: Fidelio

Die Inszenierungen von John Dew waren einst ebenso berühmt wie umstritten für ihre aktualisierenden Konzeptionen. Doch basierten sie nie auf platter Gleichsetzung, machten vielmehr Gegenwart auf Historie oder Mythos hin transparent: Sie zielten auf Vergegenwärtigung im umfassenden Wortsinne. In seiner aktuellen «Fidelio»-Produktion ist davon nur noch ein anachronistisches Aperçu übrig geblieben: Das eröffnende Duett zeigt Marzelline und Jaquino als Angestellte der Gefängnisbürokratie.

Sie weist seine Avancen zurück, indem sie sich angelegentlich in die Akten vertieft – papierene Akten, wohlgemerkt, und auch die wuchtigen Schreibmöbel und die schwarzen Bakelit-Telefone verweisen auf die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts. Später, bei Pizarros Arie, erscheint ein bühnenhohes Regal mit Tausenden von Leitz-Ordnern, auch die Wachmannschaft hat sich in einen Chor von Beamten verwandelt. Dass aber in diesem Ambiente alle Personen Kostüme der Empire-Zeit tragen, wirkt willkürlich: Die Zeitebenen durchdringen sich nicht, sie stehen wie Öl und Wasser nebeneinander.

Ansonsten herrscht inszenatorisches Minimum: eine schwarze, leere Bühne, nur das Nötigste an Mobiliar und Requisiten, doch auch an ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt November 2010
Rubrik: Panorama, Seite 48
von Ingo Dorfmüller

Vergriffen
Weitere Beiträge
Blick in die (Medien-)Zukunft

Eine geläufige moderne Deutung von Puccinis «Turandot» geht so: Turandot, die «eisumgürtete Prinzessin» ist eine tief traumatisierte Frau, ihre Erzählung von der einst geschändeten Ahnin verweist auf eigene Missbrauchserfahrungen, aus ihnen speist sich ihr mörderischer Männerhass. Calaf heilt sie, indem er sich ihr bedingungslos ausliefert. Das ist ein...

Späte Ernte

Uraufführung? Cherubini? Koukourgi? Bei Letzterem denkt man ans französische Wort für Kürbis, courge; bei Luigi Cherubini an die französische Revolution. Und liegt mit diesen Assoziationen durchaus richtig. Denn den Namen des Titelhelden erfand Librettist Honoré-Marie-Nicolas Duveyrier lautmalerisch und mit feinem Sinn für das double entendre nach einem Sprichwort...

Im Focus der Ausgabe 11-2010

Die Spielzeit startet mit Verve. In Hannover erlebt Luigi Nonos «Intolleranza 1960» einen Zeitsprung in die Gegenwart: ganz aus der Musik heraus gedacht und gestaltet. Das Schiller Theater in Berlin, ab sofort für einige Jahre Heim der Staatsoper, wurde mit einer Uraufführung (unter Leitung von Daniel Barenboim himself) und zwei zeitgenössischen Einaktern eröffnet....