Der Ort macht die Musik

Fragt sich nur, auf welchem Niveau: Mozarts «Così» in der Starkstromhalle, Bachs Weihnachtsoratorium im Kulturlabor

Wenn die alten Römer vom Genius Loci sprachen, so stellten sie sich einen Geist vor, der seine schützende Hand über einen Tempel oder das eigene Haus hielt. Später, als in Europa das Christentum die Deutungshoheit erobert hatte, bezeichnete der Begriff eine Art spirituelle Energie, die sich, vom Himmel gestiftet, durch auserwählte Menschen auf leblose Mauern übertrug.

Im säkularen Milieu der Aufklärung galt das, was einen Ort einzigartig und unverwechselbar macht, schließlich als dessen geistige Aura – und die speiste sich vor allem aus der imaginierten Gegenwart genialer Köpfe oder historischer Ereignisse. Was wäre Weimar ohne Goethe und Schiller, Versailles ohne Sonnenkönig, Salzburg ohne Mozart?

Seit der Jargon des Marketings und der Event-Wirtschaft die Stichworte liefert, hat offenbar auch der gute alte Genius ausgedient. Inzwischen sucht man Locations auf, wenn die vertrauten Geschichten der abendländischen Kultur durch unvertrautes Ambiente einen frischen Kick erhalten sollen. Nicht die assoziative Verbindung mit verblichenen Dichtern, Denkern und Künstlern steht da im Vordergrund, sondern die Umwertung nicht selten brachliegender Räume durch eine neue, ihre ursprüngliche ...

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Opernwelt Februar 2010
Rubrik: Magazin, Seite 62
von Albrecht Thiemann

Vergriffen
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