Ver(gr)eiste Welt

München, Bayerische Staatsoper, Humperdinck: Königskinder

Humperdincks «Königskinder» sind ein Kunstmärchen mit tragischem Ausgang und so gar nicht kindgerecht, doch im ersten Akt erzählt Andreas Homoki an der Bayerischen Staatsoper naiv und raffiniert ein «fairy tale»: Die Einheitsbühne zeigt einen von Kinderhand gezeichneten riesigen Wald, der Kopf steht. In der Mitte ein perlmuttweißer Schrank wie zu Großmutters Zeiten. Er ist multifunktionaler Ort. Die Hexe, eine herrlich empörte Gouvernante (Dagmar Pecková), haust dort, aber auch die Gänsemagd, die bei ihr lebt, wird hier eingesperrt – oder kann sich verstecken.

Wenn der Königssohn erscheint, flüchten sich Magd (Annette Dasch mit üppigem lyrischen Sopran im kleinen Grünen) und Prinz (ein Kindskopf in Latz­hose und sein männliches Timbre geschickt für einen Jüngling nutzend: Robert Gambill) zum ersten Kuss auf das Möbel.
Später, im zweiten Akt – und da darf man nicht nach Logik fragen – zieht die Gänsemagd als vermeintliche Königin nicht durchs Stadttor ein, sondern purzelt wieder aus dem Schrank. Auch der Wald ist derselbe wie im ersten Akt. Die Choristen und Statisten der Stadt ­jedoch sind Karikaturen ihrer selbst und in die grellsten Kostüme gesteckt, farblich in allen Valeurs ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Dezember 2005
Rubrik: Panorama, Seite 57
von Klaus Kalchschmid

Vergriffen
Weitere Beiträge
«Man singt mit den Ohren»

Her Master’s Voice» – das ist kein Wortspiel eines boshaften Journalisten, sondern ihre höchst eigene Erfindung. Eli­sa­beth Schwarzkopf hat sich selbst so bezeichnet, und sie hat nie verschwiegen, wie sehr sie ihre künstlerische Entwicklung auch ihrem Ehemann Walter Legge verdankt, dem legendären Plattenproduzenten von His Master’s Voice, Columbia und EMI.
Und wie...

Zeitlose Antike

Die griechische Literatur kennt Elektra, Medea, Klytemnästra und manch andere mythologische Schreckensfrauen. Frank Wedekinds Femme fatale Lulu, das «wilde schöne Tier», die «Alleszerstörerin» übertrifft sie indes alle. Lulu gebraucht und vernichtet die Männer wie jene in ihr nur das Weib gebrauchen, bis sie es zerstören. Nicht verwunderlich, dass die Gestalt der...

Sprungbrett

Alle zwei Jahre führt Elena Obraztsova einen internationalen Gesangswettbewerb in St. Petersburg durch und öffnet damit den Preisträgern die Tür zu vielen Opernbühnen weltweit. Der Grundgedanke des Wettbewerbs mutet beinahe philanthropisch an: Da sich die meisten jungen Sänger in den Nachfolgestaaten der Sowjetunion eine Reise zu den Wettbewerben im Ausland nicht...