Reisen ins Innere

Solo-Performances im Berliner Haus der Kulturen der Welt

Einmal im Kreis laufen kann eine Reise zu einem fernen Ort bedeuten, ein kurzes Kopfnicken das Ende eines langen Schlafes anzeigen. Das chinesische Theater hat Bewegungen und Gebärden wie diese über Generationen entwickelt und bewahrt. Bertolt Brecht hat es bewundert. Oder präziser: Weniger die Techniken der Beibehaltung als jene der Veränderung des Ausdruckskanons interessierten ihn. Das Faszinosum war die Unbedingtheit, das Alte zu können und es zugleich «mit Aplomb» fallen zu lassen, um ästhetisch Aufruhr zu erregen.

Wenn also Wu Hsing-Kuo im Berliner Haus der Kulturen der Welt seine Maske und den mächtigen Umhängebart abnimmt, wenn er das Herrscherkleid abstreift, dann ist das so ein Moment, der mit der Konvention bricht. Er, der gerade noch «King Lear» gewesen ist, fragt plötzlich: Wer bin ich?
Europäer sollten von dem Regelwerk des chinesischen Musiktheaters zumindest wissen. Andernfalls bleiben sie halb blind für dessen Imaginationen und halb taub für die absichtsvollen Frakturen der Tradition. Wu Hsing-Kuo erleichtert den Zugang, indem er das hiesige Publikum im eigenen Kulturerbe abholt. Denn nicht zu übersehen ist, dass der Theaterleiter aus Taipeh vertrauten Umgang mit ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Mai 2006
Rubrik: Thema, Seite 43
von Frank Kallensee

Vergriffen
Weitere Beiträge
Auf Nachhaltigkeit angelegt

Mitte März: Spätabends schleicht eine Gruppe junger Menschen durch die ­Luther-Stadt Wittenberg, bepackt mit Beuteln und Taschen, und lässt in jeden verfügbaren Brief­kas­ten ein Stück Papier hinabtauchen. Wer sich am nächsten Morgen dieses Stück Papier zu Gemüte führte, dürfte einigermaßen überrascht gewesen sein. Nicht etwa ein Werbezettel, sondern ein Flyer...

Strauss: Arabella

Opern von Richard Strauss gelangen in den letzten zehn Jahren in Regensburg szenisch mit wechselndem, musikalisch hingegen durchgehend mit gutem Erfolg. Nach «Intermezzo», «Elektra», «Salome», «Ariadne auf Naxos» und «Rosenkavalier» folgte nun «Arabella», die szenisch wie musikalisch in einem Maße gelang, wie es für eine Bühne dieser Größe nicht alltäglich ist.
Haus...

Kalafs Halluzination?

Im vergangenen September, angesichts von Peter Konwitschnys szenischer Interpretation des «Eugen Onegin» in Bratislava, hatte ein aus Wien angereister Zuschauer neben mir noch gegreint: «Jetzt kann man hier auch nicht mehr hinfahren.» Sollte der Mann dennoch einen weiteren Versuch gewagt haben, etwa zur «Tu­ran­dot», dürfte Joszef Bednáriks Inszenierung ihm ein...