Innere Verdichtung

Das Architektenduo Herzog & de Meuron hat Münchens Fußballarena gebaut und Hamburgs Elbphilharmonie entworfen. Jetzt ist es erstmals für ein Bühnenbild verantwortlich: bei Wagners «Tristan und Isolde» in der Berliner Lindenoper. Doch die Besonderheiten des Abends liegen ganz woanders.

Opernwelt - Logo

Das Debüt ist lange her. Vor sechsundzwanzig Jahren dirigiert Daniel Barenboim den «Tristan» zum ersten Mal: an der Deutschen Oper Berlin, wenig später dann in Bayreuth. Damals waren viele, nicht nur im Orchester, skeptisch. Würde ein weltberühmter Pianist, der zwar das Orches­tre de Paris leitete, aber wenig Opernerfahrung hatte, das wirklich hinkriegen? Barenboims «Tristan» klang damals oft nach Debussy.

Er atmete französische clarté, sparte Pathos strikt aus und lebte so sehr aus Pastellfarben, dass man den Eindruck hatte, der verdeckte Orchestergraben würde dem Ansatz mehr schaden als nutzen. Ein Jahrzehnt später, bei Heiner Müllers «Tristan», holte Barenboim, inzwischen «Ring»-erfahren, das Pathos zurück. Er reizte Extreme aus. Die Wucht des Orchesterklangs fegte den Deckel fast weg. Die Tempi wechselten spontan und krass. Die Sänger waren nicht zu beneiden. Wenn er jetzt, wieder ein Jahrzehnt später, «Tristan» dirigiert, dann hat das mit Summe zu tun, mit gewachsener Erfahrung und mit einer inneren Verdichtung, die man so schnell nicht vergisst.
Wie kommt sie zustande? Zum Beispiel dadurch, dass Barenboim schnelle Tempi ein bisschen zurücknimmt und langsame sanft beschleunigt. ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Juni 2006
Rubrik: Im Focus, Seite 14
von Stephan Mösch

Vergriffen
Weitere Beiträge
Berg: Wozzeck

Ein starkes Stück. Auch wenn man es mit traditionellen Mitteln auf die Bühne bringt. Wie jetzt in Lübeck, wo Regisseur Marc Adam dem Werk keinerlei Gewalt antat, sondern – konzentriert auf die Darsteller und ihre Körpersprache – Bergs «Wozzeck» als Tragödie der Beziehungslosigkeit unter den Menschen entwickelte. Der fast requisitenfreie, leere Raum als Ort, wo die...

Konzentration auf Wesentliche

Herr Braunfels, Sie zählen nicht nur als Schöpfer einiger Großbauten wie der Pinakothek der Moderne in München sowie des Paul-Löbe-Hauses und des Marie-Elisabeth-Lüders-Hauses in Berlin  zu den meistbeschäftigten Architekten Deutschlands. Nun haben Sie für eine neue «Lohengrin»-Produktion des Festspielhauses Baden-Baden das Bühnenbild entworfen. Was reizt Sie an...

Provozierendes Psychospiel

Angewidert lässt sie sich den Schmuck vom Vater umhängen. Senta und Daland hegen eine schwierige Vater-Tochter-Beziehung. Er, der plakativ geschäftstüchtige Materialist, der sich von Holländers Reichtümern blenden lässt; sie, die pubertierende Träumerin, die ihrer romantisch-blinden Schwärmerei vom Wundermann nachhängt. So einfach, so gut.
In der Fokussierung auf...