Das Menetekel
Am Anfang das (stumme) Rauschen des Wassers, in Form eines von Céline Baril auf die sandfarbenen Mauern von Babylon projizierten Videos. Am Ende das leise Gebet zum Schein der Kerzen, ein vielstimmiges «Amen». Dazwischen: die Hölle auf Erden. Händels «Belshazzar» in der Halle E des Wiener Museumsquartiers ist nichts für Kulinariker, die in barockoratorischen Klangwellen und biblischer Allegorie baden wollen.
Es ist ein Abend über die finstersten Abgründe des Menschen, über das Böse, das sich metastasenhaft ausbreitet, über ökonomische und humane Grenzerfahrungen, den Kampf um Ressourcen (Wasser!), über Ausbeutung, Terror und Gewalt, über Gott (und seine Abwesenheit), über die Krise unseres Jahrhunderts, kurzum: ein Abend der totalen Überschreitungen. Man wundert sich kaum, dass dies nach dem Verhauchen des A-Dur-Schlussakkords nicht die uneingeschränkte Zustimmung des Publikums erfährt. Dafür ist das alles viel zu heftig – ein «virtuelles Universum außer Kontrolle», wie es die Dramaturgin Leyli Daryoush mit flammenden Worten im Programmheft skizziert.
Allein, der Stoff gibt eine solch schroffe, historisch untermauerte, genuin fatalistische Deutung her. Händels bibliophiler ...
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Opernwelt April 2023
Rubrik: Im Focus, Seite 6
von Jürgen Otten
Ein Triumph. Und zwar auf beiden Ebenen: musikalisch wie inszenatorisch. Nicht anders beschreiben lässt sich, was Ende Januar, Anfang Februar in der Semperoper zu erleben war. Nun war nach Christian Thielemanns umjubeltem Einspringer-Dirigat für Daniel Barenboim zu dessen Geburtstags-«Ring» an der Staatsoper Berlin eigentlich nichts anderes zu erwarten. In Dresden...
Ein schlimmer Zwerg zieht Jüngling Siegfried auf,
Ein Schwert, das nicht mehr funzt, ganz neu zu bauen,
Um so den Drachen Fafner zu verhauen.
Ein Typ mit Hut tritt ein und klagt, worauf
Der Zwerg und Siegfried zu dem Drachen laufen.
Der Held nimmt Nothung, haut den Hund kaputt.
Ein Vogel flüstert lieblich: «Nimm den Schutt!
Denn mit dem Gold dort kannst du alles...
Auch nach zweimaligen Lesen staunt man ungläubig: Die spielen das Stück tatsächlich dort. Im ehemaligen Augsburger Gaswerk, wo die Brecht-Bühne des Staatstheaters beheimatet ist. Normalerweise wäre das nicht weiter erwähnenswert, doch auf dem Spielplan steht «Das Tagebuch der Anne Frank». Und bevor das Kopfschütteln überhandnimmt, geht die Inszenierung von Nora...
