DIE LIEBE MACHT’S
Wenige (W)Orte sind derart hoch und vielfältig semantisch orchestriert, stehen für so heterogene, disparate Deutungen, haben so grundverschiedene künstlerische Ausprägungen erfahren wie der Topos «Babylon». Wobei vieles hochtönendes Bildungsinventar bleibt. Eine leibhaftige Erfahrung ist erinnerlich: Im Bruegel-Saal des Wiener Kunsthistorischen Museums trafen sich einmal mehrere polysprachlich geführte Gruppen, die von der jeweils anderen Moderation nichts verstehen konnten, im Stimmengewirr ratlos wirkten. Erhabene Kunstaura verwandelte sich in triviale Sprachlosigkeit.
Auf andere Weise kann man dies heute in den Wartezonen der Flughäfen erleben, wo nur wenige miteinander reden, viele aufs Smartphone starren. Stand der Turmbau zu Babel für kollektive Hybris, die mit sprachlicher Wirrsal bestraft wurde, so führte bei Heine und Schumann Belsazars lästerlicher Egotrip in seine Ermordung. In Bachs Orgelchoral «An Wasserflüssen Babylon» wird die «Hure Babylon», Inbegriff allen Lasters, sogar zur G-Dur-Pastorale.
Der Philosoph Peter Sloterdijk hat für Jörg Widman ein «Babylon»-Libretto verfasst. Vor ihm hatte Massimo Cacciari für Nonos «Prometeo» den Text zusammengestellt, und eine ...
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Opernwelt 6 2022
Rubrik: Panorama, Seite 66
von Gerhard R. Koch
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Richard Wagner giftete einst gegen seinen Gönner Giacomo Meyerbeer, dessen Opern-Effekte seien «Wirkung ohne Ursache». So böse Wagners Bonmot ist – begegnet man Verdis «Ernani», drängt es sich nachgerade auf. Meistens wird dieses unreife Dramma lirico nur konzertant gegeben. Im Rahmen seiner Bemühungen um Verdis selten gespielte Werke brachte das Bonner Opernhaus...
