Bücherwurm und Lustmolch

Liebe und Gelehrsamkeit in Zeiten der Pandemie: Tobias Kratzer verortet Gounods «Faust» an der Opéra Bastille, leider nicht immer zwingend, im Hier und Jetzt, Lorenzo Viotti dirigiert feinsinnig und geschmeidig, Benjamin Bernheim brilliert in der Titelpartie

Marguerites Frauenarzt desinfiziert sich vor der Sonografie schnell noch die Hände und setzt sich eine Maske auf; später irrt die junge Frau durch die Gänge der Pariser Metro, wo die allen Hauptstädtern bekannten blau-weißen Aufkleber zur sozialen Distanzierung mahnen. Tobias Kratzers Inszenierung von Charles Gounods «Faust» an der Opéra Bastille spielt im Hier und Jetzt der Handvoll geladener Gäste, deren versprengte Präsenz den Riesensaal noch leerer erscheinen lässt. Und sie spielt im Pariser Großraum, im Jahr zwei der Pandemie.

Am Vorabend des jüngsten Lockdowns, der über ein Drittel des Landes verhängt wurde (darunter die Hauptstadtregion), durften ein paar Glückliche am 19. März der Premiere einer Produktion beiwohnen, deren Bestimmung von vornherein die Übertragung in Radio, Fernsehen und dereinst im Kino sein sollte – Frankreichs Theater sind seit Ende Oktober geschlossen und dürften es auf absehbare Zeit bleiben.

Die Aktualisierung des vage im deutschen Spätmittelalter angesiedelten Stoffs, die der 41-jährige Regisseur vornimmt, ist gut durchdacht und gut gemacht. Faust steht, durch einen Schauspieler verkörpert, zu Anfang als Double im Pensionierungsalter auf der Bühne. ...

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Opernwelt Mai 2021
Rubrik: Im Focus, Seite 4
von Marc Zitzmann

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