Gegen den Zeitgeist
Die Musikkritik sieht sich heute selbstverständlich denselben Problemen gegenüber wie die von ihr besprochene Musik selbst, denn in einer formatierten Welt des like und dislike hat es der Wunsch nach Differenzierung schwer. Die Verschiebung jedweden Urteils einer unbegrenzten Anzahl von Richtern in die öffentlichen Medien hat eben nicht nur Vorteile; ein Nachteil wäre – um mit Karl Kraus zu sprechen –, dass «jeder Ladenschwengel die Muse befingern darf», und das geht einher mit einem eindeutigen Verlust an Genauigkeit, auch einem Überfluss an Übergriffigkeit.
Man könnte brutal im Stil der 1930er-Jahre sagen: Wer Kunstwerke nach dem Äußeren beurteilt, beurteilt auch Menschen nach dem Äußeren.
Selbstverständlich kann man feststellen, dass die rein äußerliche Betrachtung eines Kunstwerks immer bestanden hat, manchmal folgt sie Volkes Stimme und der Grad zum Populismus ist hauchdünn, manchmal raunen geheimbündlerische Syntagmen aus den Schriftsätzen und das Glasperlenspiel ist nicht fern. Aber das Größenverhältnis von fundierter Kritik und rein äußerlicher Negation oder Affirmation hat sich im Lauf der Jahre immer weiter verschlechtert. Ein weiteres Indiz wäre, dass noch vor wenigen ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt Jahrbuch 2020
Rubrik: Wozu Musikkritik?, Seite 110
von Detlev Glanert
Sie ist die vielleicht überwältigendste Mozart-Heroine unserer Zeit. Schrankenlos, schlackenlos, mit einem Furor in Stimme und Ausdruck, der alles hinwegpustet, was sich dieser machtvollen und unbedingten Seelenentäußerung in den Weg stellt. Sei es als Vitellia in «La clemenza di Tito» am Theater an der Wien (Foto), sei es als von Furien gejagte Elettra in...
Eigentlich wollte sich Helga Rabl-Stadler nach dem Jubiläumssommer in den bewegten Ruhestand zurückziehen. Doch dann warf Corona alle Planungen über den Haufen: Das Programm, mit dem die Gründung der Salzburger Festspiele vor 100 Jahren gefeiert werden sollte, musste drastisch reduziert, ein großer Teil der Veranstaltungen verschoben werden. So wird die gelernte...
Zwei Schwestern. Einander so ähnlich und doch so unterschiedlich. Was sie dennoch eint, ist die Fähigkeit, Bilder zu kreieren, tatsächliche und imaginäre. Und ganz gewiss steckt dem Kino das illusionistische Musiktheater bereits in den Genen – was niemand so scharfsinnig erkannte wie Theodor W. Adorno, als er, in Anlehnung an Nietzsche, bemerkte, in Wagners...
