Schwer zu ertragen

Mozart: Die Zauberflöte
Brüssel | La Monnaie

Vorn ist einer laut schnarchend eingeschlafen, rechts drängen sich Empörte aus dem Saal, links fließen stille Tränen. Flüstern überall: Das Publikum weiß nach der Pause nicht, wohin mit sich in Romeo Castelluccis «Zauberflöte» an der Brüsseler Münze.

Doch der Reihe nach. Zunächst knöpft der Regisseur sich den Wunsch nach einem Mozart’schen Märchen vor, indem er – «Klinget, Glöckchen, klinget» – die Bühne als pittoreske Porzellanspieluhr anlegt. Alles ist betäubend weiß: die Schnurvorhänge an den Seiten, hinten das Stuckornament, alle Röcke, Roben, Locken.

Auf Drehtellern kreisen Sänger und Tänzer in anmutig choreografierter Symmetrie, auch wenn das bedeutet, dass zwei Taminos, zwei Papagenos etc. antreten müssen – einer singend, einer stumm.

In all der Pracht könnten einem die kalkulierten Störungen zunächst fast entgehen: die Schatten, die die elegante Stuckatur flüchtig in die Röntgenansicht weiblicher Beckenknochen verwandeln. Die erstickende Verdichtung von Federbuschwolken und Gipskurven. Schließlich lässt sich nicht mehr leugnen: Die blütenweiße Puderperücken-Utopie ist wahrlich keine Sauberwelt. Immer deutlicher vergiften sexistische und rassistische Strukturen die ...

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Opernwelt November 2018
Rubrik: Panorama, Seite 42
von Wiebke Roloff Halsey

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