Hingabe ohne Heiligenschein

Johannes Harneit und Karsten Wiegand beleuchten in Darmstadt den humanen Kern in Olivier Messiaens «Saint François d’Assise»

Der Komponist Mathias Spahlinger ist ein rigoroser Verächter der Postmoderne in einem doppelten Sinn: Künstlerisch lehnt er jede Rückversicherung bei angeblich intakten Traditionen ab, erst recht allfällig wohlfeiles anything goes. In solcher Entschiedenheit steht er Helmut Lachenmann nahe. Außerdem ist er dezidierter Linker, vertraut nicht im mindesten dem juste milieu-Glauben, die Welt sei, so wie sie ist, in Ordnung, und bedürfe nicht permanenter Verbesserung.

Da wäre er näher bei Hanns Eisler; doch von der strikten Avantgarde will er nicht lassen, dem intellektuellen Spagat zwischen Autonomie und Engagement nicht ausweichen.

So verwunderte es kaum, als Spahlinger vor einigen Jahren im Gespräch bekannte, unvermutet und eher sarkastisch als pathetisch: Olivier Messiaen bleibe für ihn ein Allergrößter – wäre er auch noch Kommunist. Dabei ist das Statement weniger paradox, als es klingt. Messiaen war gläubiger Katholik, seit 1930 spielte er regelmäßig in der Pariser Église de la Trinité die Orgel. Theologische Heilslehren haben sein Komponieren zeitlebens bestimmt. Fromm war er, aber kein Frömmler, darin Bach vergleichbar, auch in der Rationalität der Exegese. Auf die Frage nach ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt November 2018
Rubrik: Im Focus, Seite 22
von Gerhard R. Koch

Weitere Beiträge
Wilde Schönheit

Der Kollege gab sich ziemlich ernüchtert. Die alte Fassung besitze doch eine «eigenartige, wilde Schönheit», urteilte Hans Werner Henze. An der neuen beklagte er die «Rückkehr zur Tonalität», weshalb der Urversion von Paul Hindemiths «Marienleben» aus dem Jahre 1923 unbedingt der Vorzug zu geben sei. Auch als Signal: Die junge Tonschöpfer-Generation habe...

Auf Grund gelaufen

Das Stück berührt immer noch. In der als inszeniertes Konzert angekündigten Aufführung von Henzes Dokumentar-Oratorium «Das Floß der Medusa» in der Bochumer Jahrhunderthalle gerät das Werk allerdings in seichtes Gewässer und läuft, um im Bild zu bleiben, ähnlich spektakulär auf Grund wie die Fregatte «Medusa» 1816 bei dem Versuch, den Senegal für Frankreich...

Aus dem Glutkern der Songs

Ich besuche Kirill Serebrennikov Anfang August 2017 in Kronstadt. Im ehemaligen Kulturhaus der Baltischen Flotte dreht der Regisseur Sequenzen seines neuen Films. Weniger ihm als seiner engsten Mitarbeiterin steht der Stress der vergangenen Monate ins Gesicht geschrieben, auch die Stinkefinger-Brosche an ihrem Kleid kann darüber nicht hinwegtäuschen: Als der...