Krippenspiel: Jaquces Imbrailo (Joseph) und Sasha Cooke (Maria); Foto: Kai Bienert

Braucht Berlioz' «L'enfance du Christ» Bilder?

Alles schrecklich gut gemeint – die Wahl des Stücks: Berlioz’ im deutschsprachigen Raum eher selten zu hörende Legende «L’enfance du Christ» (1854); das Timing der Aufführung: eine Woche vor Heiligabend; die szenische Einrichtung in der Berliner Philharmonie: Ein menschliches Antlitz wolle sie der Heilsgeschichte geben, tat die als Regisseurin engagierte Schauspielerin Fiona Shaw («Harry Potter») kund.

Doch was sich dann auf dem Podium vor den Musikern des Deutschen Symphonie-Orchesters abspielte, war von einer so pausbäckig-harmlosen Krippenspielbiederkeit, dass man bald gar nicht mehr hinschauen wollte. Zumal Shaws holzschnittartig-sentimentale Verniedlichung der Figuren dem poetischen Geist dieses ungewöhnlichen Zwitterwerks – es ist Oper, Oratorium, Vokalsymphonie, alles in einem – diametral zuwiderläuft.

Robin Ticciati, der neue Chefdirigent des DSO, stellt die heterogene Struktur der «Geistlichen Trilogie» (Traum des Herodes, Flucht nach Ägypten, Ankunft in Sais) plastisch aus – die offenen Flanken einer Musik, in der liedhafte Intimität neben Orgelpathos, kirchentonal Fugiertes neben chorischer Musette, Zornesarie neben Engelsstimmen steht. Sasha Cooke (Maria) und Jacques ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Februar 2018
Rubrik: Magazin, Seite 76
von Albrecht Thiemann

Weitere Beiträge
Sonnenschein zur Nacht

Die Vorgeschichte der zum Jahreswechsel vorgestellten Met-«Tosca» war aufregender als das, was David McVicars Inszenierung zu bieten hatte: fade Personenregie plus Ausstattungspomp à la Zeffirelli, der freilich bei jeder neuen Szene vom konservativen Stammpublikum des Hauses lautstark bejubelt wurde. Mit Luc Bondys längst entsorgter «Tosca» aus dem Jahr 2009 hatte...

Von innen aufgespannt

Karl Kraus spitzte seine Feder gerne gegen Gleichberechtigung: «Emanzipierte Frauen gleichen Fischen, die ans Land gekommen sind, um der Angelrute zu entgehen», vermerkte er. Bei den Grazer Bühnen käme er mit diesem Aphorismus kaum an, denn diese führen seit Jahren den Beweis, dass das weibliche Geschlecht auch in früheren Männerdomänen keineswegs den...

Schwebende Eleganz

Es war ein Amerikaner, der die tragédies lyriques des Sonnenkönigteams Jean-Baptiste Lully und Phi­lippe Quinault vor drei Jahrzehnten wieder auf die Tagesordnung setzte. Erst die von William Christie zum 300. Todestag Lullys betriebene Wiederentdeckung des «Atys» (1676) gab den Anstoß, auch seine anderen für Versailles verfassten Bühnenwerke vom Archivstaub zu...