Goldener Mittelweg
Als sich zur Ouvertüre der Vorhang im Auditorium de Dijon hebt, glimmt Hoffnung auf: neues Konzept! Eine Rückblende deutet darauf hin, dass Sarastro eigentlich Paminas Vater ist und Papageno deren früh verlassener Bruder. Die Handlung spielt nach einer Umweltkatastrophe: Die Welt ist zur Wüste geworden, sämtliche Relikte der kapitalistischen Wirklichkeit liegen hier begraben. Verheißungsvoller Auftakt. Was jedoch folgt, ist eine anekdotische, konventionelle Regie in moderner Dekoration.
Musikalisch erweist sich der Abend als beachtlicher Gewinn.
Dass Christophe Rousset die «Zauberflöte» zum ersten Mal dirigiert, ist nicht zu spüren, so schlüssig, stringent gerät die Wiedergabe. Am Pult seines Ensembles Les Talens Lyriques setzt Rousset nicht dogmatisch auf «authentische» Aufführungspraxis, sondern verleiht der Musik natürlichen Fluss. Sein Mozart klingt federnd, unverkrampft, nie leichtfertig oder oberflächlich. Die Dramaturgie der Tempi hält beständig die richtige Balance zwischen pulsierendem Drive und kontemplativer Tiefe. Daraus ergibt sich eine höchst lebendige Interpretation, die weder ins Barock zurückblickt noch die Romantik vorwegnimmt: ein goldener Mittelweg, der bisher ...
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Opernwelt Mai 2017
Rubrik: Panorama, Seite 40
von Christian Merlin
Er glaube nicht, so bemerkte Hans Zender in einem Gespräch über Aufführungspraxis und Interpretationsgeschichte, «dass ein Interpret danach streben muss, das Original zu rekonstruieren». Vielmehr müsse sich seine Tätigkeit darauf richten, «etwas neu entstehen zu lassen». Anlass für diese (scheinbar radikale) Absage an den seit Beethoven und Wagner kodifizierten...
Neben dem unverwüstlich populären «Karneval der Tiere» sind es hauptsächlich die Klavierkonzerte, die «Orgel»-Symphonie und die Oper «Samson et Dalila», die aus dem riesigen, nahezu sämtliche Gattungen umfassenden Œuvre von Camille Saint-Saëns (1835-1921) überlebt haben. Ein Schattendasein fristen hingegen die Lieder, von denen man nur Victor Hugos Ballade vom «Roi...
Die Zeit, versprach einst Gilbert Bécaud, nehme alle Probleme fort und löse sie auf. Doch welche Zeit meinte er eigentlich? Die auf der Uhr ablesbare objektive? Oder die subjektive, die sich nicht nach Stunden und Tagen bemessen lässt? Das Berliner Festival Maerzmusik, wo man für gewöhnlich Originalität mit Aktualität verwechselt und noch immer an eine Neue Musik...
