Trunkenheit ohne Wein

Julian Prégardien erkundet Schuberts «Winterreise» – mit Michael Gees, Hans Zender und Lotte Lehmann

Er glaube nicht, so bemerkte Hans Zender in einem Gespräch über Aufführungspraxis und Interpretationsgeschichte, «dass ein Interpret danach streben muss, das Original zu rekonstruieren». Vielmehr müsse sich seine Tätigkeit darauf richten, «etwas neu entstehen zu lassen».

Anlass für diese (scheinbar radikale) Absage an den seit Beethoven und Wagner kodifizierten Werkbegriff war seine «komponierte Interpretation» von Franz Schuberts «Winterreise» für Tenor und kleines Orchester: uraufgeführt 1993, aufgenommen von Hans Peter Blochwitz (1994) und Christoph Prégardien (1999) und nun wieder von dessen Sohn Julian im Rahmen eines faszinierenden Projekts. Im Januar 2016 rief Prégardien eine «Medienplattform für Aufführungspraxis» ins Leben: P.RHÉI – Signet für die auf Heraklit zurückgehende Formel «Alles ist im Fluss» (siehe OW 2/2017). Prégardien geht es um die Frage, welchen Veränderungen ein Musikwerk im Laufe der Zeit unterworfen ist. Ausgangspunkt sind zwei Aufführungen des Zyklus: Am 28. November 2015 orientierten sich Prégardien und sein exzellenter Klavierpartner Michael Gees an der Aufführungspraxis bzw. den Programmgestaltungen des 19. Jahrhunderts; am 22. Januar 2016 ...

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Opernwelt Mai 2017
Rubrik: Hören, Sehen, Lesen, Seite 26
von Jürgen Kesting

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