Ausgebleicht
Das Stück ist sakrosankt, unantastbar. Vollendete Vokalkunst. Und einer der tristesten Klagegesänge der Musikgeschichte. «When I am laid in earth», Didos Weltabschiedsarie, trägt den Schmerz einer ganzen Epoche in sich, ist aber zugleich von einer so ätherischen Schönheit, dass man das Leben im Jenseits fast schon wieder als wunderbar imaginieren möchte. Der Tod als Geschenk.
«When I am laid in earth»: In der Tischlerei der Deutschen Oper Berlin hören wir dieses Stück, überaus expressiv, vielleicht eine Spur zu pathetisch vorgetragen von Abigail Lewis, und doch ist es ein anderes Stück. Eine Übermalung, die allerdings mehr Aussparung ist; Entfärbung, ja Ausbleichung, so, als sei die Arie mehrfach in der Waschmaschine gewesen. Die Melodie ist, wie sie im Original klingt: schlicht, kantabel, fließend. Verändert sind ihre Kontexte, verändert ist die harmonische Struktur: Dissonanzen haben sich eingeschlichen, Aufrauhungen. Wie Kratzspuren auf vorbarocker Oberfläche, so klingt die Musik jetzt – und damit, wie in die Zeit gekommen, unsere Zeit.
Michael Hirsch hat sich dem Komponisten Henry Purcell für sein Musiktheater in zwei Teilen «Dido» behutsam angenähert. Bekundet seinen Respekt ...
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Opernwelt April 2017
Rubrik: Magazin, Seite 80
von Jürgen Otten
Valery Gergiev und «Salome», das ist eine lange Geschichte. Die neue Produktion am Mariinsky Theater markiert seine dritte Auseinandersetzung mit dem Stück. Vor mehr als zwei Dekaden hatte er es sich zum ersten Mal vorgenommen, zuletzt stand es vor dreizehn Jahren auf dem Spielplan. Nun hat er sich mit Marat Gatsalov einen prominenten Schauspielregisseur ins Haus...
Dieses Bild: be(d)rückend trist. Ein Alptraum. Einsam, verlassen liegt da, auf leerer Bühne, die Königstochter, maskiert, in sich gewendet, zernichtet und doch angeweht von metaphysischer Seligkeit, um sich herum spiegelverzerrte Videosequenzen der Erinnerung (Voxi Bärenklau). Nur noch eines will sie, das Ende. Und so singt Ana Durlovski sich diesen Wunsch nach dem...
Wenn in Hannover Dalands Schiff und des Holländers Geisterschiff in See stechen, dann heißt es volle Fahrt voraus: Ivan Repušić lässt das Niedersächsische Staatsorchester mit Verve aufspielen. Es gibt zügige Tempi, viel orchestrale Dramatik bläht die imaginären Segel. Wohin die Reise geht, weiß man da noch nicht, denn die Ouvertüre muss nicht gegen eine Bilderflut...
