Tupfer im Wind

Puccini: La Bohème
Genf | Opéra des Nations

Leise rieselt der Schnee. Will gar nicht mehr aufhören zu rieseln, rieselt zu Boden und herab auch auf Mimì, die aus grauer Gasse heraus zum Rampenlichte strebt, viel zu leicht bekleidet für eine junge, schwindsüchtige Frau, die am Missverständnis leidet, das die Liebe zuweilen erzeugt.

Das Haupt mit Schnipseln bedeckt, schleicht sie zur Hausecke, lauscht der Unterhaltung zwischen Rodolfo und Marcello, sucht dann, erst mit dem einen, dann mit dem anderen, das Dilemma zu ergründen, welches sich ihrer bemächtigt hat, und stimmt schließlich, lento molto, dieses unglaublich traurige Des-Dur-Arioso an: «Donde lieta uscì al tuo grido d’amore».

Was Mimì in diesem Augenblick der Not höchstens ahnt: Es ist ihr eigenes Ende, das in der Partitur aufscheint. Später, am Ende der Oper, nachdem sie tatsächlich einen h-Moll-Tod gestorben ist, vernehmen wir die gleiche heilige Tonart, klingende Metapher der Verklärung. Puccini hat sie bewusst gewählt; er, der Meister der letzten Momente (der vielleicht auch deswegen seine letzte Oper «Turandot» unvollendet ließ: weil er nach dem Tode Liùs nicht mehr weiter wusste, weil es ihm immer um den «grande dolore in piccole anime» ging). Und ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Februar 2017
Rubrik: Panorama, Seite 42
von Jürgen Otten

Vergriffen
Weitere Beiträge
Im Häusermeer

Wenn das so weitergeht, ist irgendwann keine Kuhweide mehr da. Erl expandiert munter: Im fünften Jahr schon lockt der futuristische Flunder-Musentempel neben dem Passionsspielhaus zum Winterfestival. In unmittelbarer Nähe steht das Parkhaus, aus dem es nachts so schön orange leuchtet und auf das sich Mäzen Hans Peter Haselsteiner Wohnungen setzen ließ. Und...

Klappe zu

Hollywood. Irgendwann in den 1920ern. Ein Probedreh im Studio. «Sunset Motion Pictures» heißt die Traumfabrik, die Jürgen Flimm sich von George Tsypin hat ins Schiller Theater bauen lassen. Scheinwerfer, Schminktische, Kameras, Mikros, Best Boys, Glitzergirls – alles stilecht. Auf einer Leinwand Ozeandampfer, Straßenszenen, eine Fahrt im Cabrio, Gesichter in...

Schauplatz Curaçao

Der durchschnittlich gebildete Opernfreund denkt beim Stichwort Brabant an «Lohengrin» und erinnert sich angesichts der legendären, indes nie heilig gesprochenen Genoveva aus dem gleichnamigen belgisch-niederländischen Herzogtum an Robert Schumanns einzige Oper. Jacques Offenbach widmete der Gemahlin des mittelalterlichen Pfalzgrafen Siegfried gleich drei...