Entrückt, zeitverloren

Mitterer: Marta Lille / Opernhaus

Der Captain kratzt sich. Nervös zieht er die Finger den Arm entlang, schabt die Nägel über den Nacken. Das Publikum soll verstehen: Hier will einer aus seiner Haut. Machthunger quält ihn. König Arthur liegt im Sterben, und Königin Ginevra kann das Vakuum nicht füllen – ihre Tage verbringt sie, mit dem Schicksal hadernd, im Bett.

Ein sieches Reich entwirft die österreichische Schriftstellerin Gerhild Steinbuch in ihrem Libretto für Wolfgang Mitterers neue Oper «Marta», die jetzt in Lille uraufgeführt wurde. Es liegt ein Fluch über dem Land.

Der gesamte Nachwuchs ist einem Gemetzel zum Opfer gefallen, das an Herodes’ Kindsmord von Bethlehem erinnert. Einzig Marta konnte entkommen – dank ihrer Mutter, der Königin. Sie versteckte das Kind allerdings nicht, sondern stellte es, verzaubert in eine Puppe, in einem schwarzen Kubus aus. Seither wird Marta vom Volk als Hoffnungsträgerin verehrt.

Dies ist nur eine der gezwungenen Wendungen des Plots, die auch durch die Klassifizierung als «modernes Märchen» nicht unbedingt schlüssiger werden. Mehrere Rückblenden enthüllen das mysteriöse Beziehungsgeflecht der Protagonisten, ein Netz aus Schuld, Schweigen, Machtgier und Traumata. Der Vater von ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Mai 2016
Rubrik: Panorama, Seite 50
von Mathias Nofze

Weitere Beiträge
Liebeserklärung

Ein «symphonisches Drama» hat Satie seine 30-minütige Kantate über die letzten Tage des Sokrates genannt. Man kann diesen Wink nur als Witz verstehen, als sarkastischen Seitenhieb auf Berlioz und seine Programmsinfonik. Denn das 1917 und 1918, zur Hochzeit des dadaistischen Sturms auf die bürgerliche Hochkultur, im Auftrag einer lesbischen Prinzessin entstandene...

Klein ist spitze

Hier der Stolz der Blaublüter, derer von Sachsen-Coburg, dort der Stolz der mittelhessischen Bürgerschaft, die ihren Musentempel einst selbst finanzierte: Weiter auseinander können Gründungsakte und Tradition kaum liegen. Viel Selbstbewusstsein tanken Coburg und Gießen aus ihrer Vergangenheit, auch weil sie sich heute gegen die Dickschiffe der Szene behaupten...

Eklektizismus und Eleganz

Ermanno Wolf-Ferraris «Schmuck der Madonna» wurde 1911 in Berlin uraufgeführt und war sofort ein Erfolg. An der Metropolitan Opera in New York kam das Stück mit Maria Jeritza und Giovanni Martinelli heraus. Mehr war damals nicht drin. Und höher kam auch Puccini nicht hinaus. Eine späte Verismo-Oper? Zumindest teilweise. Neapel als Ort des Geschehens spricht dafür,...