Ganz ohne Trost
«Liebe kann göttlich sein. Aber kein Gott kann den Menschen die Liebe bringen.» Der Agnostiker und Regisseur Hans Neuenfels spricht über sein Religionsdefizit im Magazin der Berliner der Staatsoper. Und seine Ariadne bleibt auf der Insel Naxos ungetröstet allein mit sich und der flitterhaften Zerbinetta-Truppe, ratlos und gottlos im Wahn, einsam bis zum in dieser Inszenierung konsequent vollzogenen Ende der Tragödie: dem Freitod.
Neuenfels’ Berliner Inszenierung, seine erste Regie einer Strauss-Oper überhaupt, enthält diese zentrale Botschaft: Die Fixierung der unglücklichen Ariadne auf den fernen Geliebten Theseus, den halluzinierten Gott Bacchus, führt sie immer verstörender in den Realitätsverlust, den Wahnsinn. Und Camilla Nylund, die Dame in Schwarz, gibt der Mission die trauernde Gestalt: «Lass meine Schmerzen nicht verloren sein / Bei dir, lass Ariadne sein!», fleht sie zwar am Schluss Bacchus an. Doch entgegen der bei Strauss-Hofmannsthal so erhabenen Überhöhung der Liebenden, der verwandelnden Kraft der Liebe, die von einer apotheotischen Musik beglaubigt wird, rammt sich in der nüchtern-präzisen Lesart von Neuenfels Ariadne am Ende den Dolch in den Leib. Und der Bacchus ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt August 2015
Rubrik: Im Focus, Seite 16
von Wolfgang Schreiber
Gespenstisch ist das. Weniger der Holländer selbst – eher, was sich in Balázs Kovaliks vieldeutig ironischer Inszenierung von Wagners Oper im Budapester Palast der Künste in den Chorszenen tut. In Reih und Glied, im Gleichschritt marsch, die Augen rechts, manche Gesten sind so hohl, dass ganze Völker darin Platz haben. Wimpel werden geschwungen, Nationalflaggen...
Es ist etwas faul in der Serenissima. «Silenzio. Mistero», raunt der Chor. Nebelschwaden quellen aus schlierig-grauem Kunstmauerwerk. Fast bis zu den Knien steht das Wasser. Die Gondeln liegen fest vertäut. Der Palast-Container ist verschlossen. Das Innere: ein goldener Käfig. Die Tore öffnen sich nur, wenn Francesco Foscari, der zwischen Familie und Staatsräson...
Um das Essener Aalto-Theater war es ruhig geworden in letzter Zeit. Seit Hein Mulders nach der langen und glanzvollen Ära von Stefan Soltesz mit der Spielzeit 2013/14 die Intendanz des Hauses (und die der benachbarten Philharmonie) übernahm, gab es überwiegend risikoarme Koproduktionen zu sehen, und das wenige Hausgemachte wollte sich nicht recht zu einem neuen...
