Die schwindelerregende Endlichkeit des Seins

Händels «Alcina» in Kopenhagen und Brüssel: Lars Ulrik Mortensen und Francisco Negrin erinnern an die Dialektik der Aufklärung, Christophe Rousset und Pierre Audi koppeln das Zauberstück mit «Tamerlano»

Ein Orang-Utan-Weibchen, durch Käfighaltung, Transporte und Tierversuche geschunden, der rechte Oberarm aufgerissen, der Blick leer, das Haar so dünn, dass die Kopfhaut durchscheint – dergestalt zeigt sich die Zauberin Alcina am Ende von Georg Friedrich Händels gleichnamiger Oper. Kein glitzerndes Paillettenkleid von Louis Désiré, keine Strasssteinmaske für Stirn und Haare deckt mehr die körperlichen Makel. Der Zauber ist hin.

Aus den Tieren, die ihre Liebhaber waren, sind wieder Menschen geworden: sechs muskulöse Kerle, die in der wuchtigen Streetdance-Choreografie von Ran Arthur Braun Front machen gegen die machtlose Frau. Zum schlagkräftigen Rudel sind sie verschmolzen, die doch vorher so individuell schienen als Möwe, Fliege, Krokodil, als Fisch, Hirsch und Hund. Sanft waren sie als Tier. Als Menschen sind sie mitleidlos, grob, ja brutal. Die Entzauberung der Welt gebiert Ungeheuer.

Francisco Negrin nutzt in seiner Inszenierung von «Alcina» – diesmal am alten, exzellent klingenden Opernhaus Kopenhagen, koproduziert mit der Oper Oslo – die metaphorische Bildlust des barocken Theaters, um nochmals an die Dialektik der Aufklärung zu erinnern. Kostüm und Nacktheit, Magie und ...

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Opernwelt April 2015
Rubrik: Im Focus, Seite 4
von Jan Brachmann

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