Zeitmaschine

Gluck kompakt im Theater an der Wien: Leo Hussain und Torsten Fischer spannen «Iphigénie en Aulide et Tauride» zusammen

In Gottes Namen? Ständig schleicht einer an diesem Abend chez Gluck im Theater an der Wien über die Bühne, in schwarzem Outfit und Priesterkollar wie ein perfider Militärpfaffe, lauernd, mit bösem Lächeln, eingeschlossen in den Bleirahmen höflicher Gefährlichkeit. Stets trägt er Handschuhe – um keine Spuren zu hinterlassen? Denn es obliegen ihm die notwendigen Handreichungen zu den ­anbefohlenen Opfermorden, an Iphigenie auf ­Aulis und an Orest und Pylades auf Tauris.

Er drängt den Exekutoren die Mörderwaffen auf, Messer, Pistolen; in Torsten Fischers Inszenierung der beiden Iphigenien scheint er Vertreter einer fragwürdigen geistlichen Obrigkeit, eines Gottesprinzips, das eifersüchtig und brutal auf Abwicklung des Anbefohlenen besteht.

Dem Theater freilich ist aufgegeben, Gegenentwürfe zu erstellen – und dies tat bereits Gluck selbst in der tauridischen Iphigenie. Denn die Titelheldin (in Wien verkörpert von der grandiosen ­Véronique Gens, die sich diese Figur über die Jahre perfekt anverwandelt hat), ihr Bruder Orest und dessen Freund Pylades (die ebenso überzeugenden Stéphane Degout und Rainer Trost) ringen sich mit übermenschlicher Anstrengung dazu durch, der göttlichen Willkür ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Dezember 2014
Rubrik: Im Focus, Seite 26
von Gerhard Persché

Weitere Beiträge
Aus dem Leben eines Taugenichts

Mist. Es weihnachtet schon wieder. Nicht, dass ich diese Jahreszeit nicht mag. Nur ist für uns Sänger jetzt sozusagen rush hour. Früher hieß Weihnachten für mich vor allem, «Messias» singen. «Messias», «Messias», «Messias», bis zum Abwinken. Ich wette, meine deutschen Kollegen würden dasselbe über das «Weihnachtsoratorium» sagen. Bloß der Satz wäre viel  länger.

Als...

Rüschen, Thesen, Maskeraden

Wie ein Filmdrehbuch hat Hugo von Hofmannsthal das Libretto des «Rosenkavalier» abgefasst, jede Nuance des Bühnengeschehens genau festgelegt. Über Jahrzehnte hinweg, von der Dresdner Uraufführung (1911) an, hielten sich Regisseure penibel an diese Vorgaben. Noch bis in die jüngste Zeit galten die traditionellen Inszenierungen eines Rudolf Hartmann oder Otto Schenk...

Windmaschine und Donnerkasten

Es vergeht kein Monat, ohne dass neue hörenswerte Aufnahmen mit Countertenören auf den Markt kommen. Drei der vier Sänger, deren neueste Alben hier vorzustellen sind, gehören schon zu den etablierten Vertretern ihres Fachs. Der junge Italiener Raffaele Pe ist noch nicht so bekannt, und ob es ihm gelingen wird, zu den Stars der Countertenorszene aufzuschließen,...