Abschied, Entsagung, Tod
Dass Christian Gerhaher auf dem Cover seiner neuen CD «Nachtviolen» unten am rechten Rand erscheint, suchend, nachdenklich, scheu, als wolle er sagen, er sei eigentlich gar nicht da, könnte man ihm auch als Attitüde auslegen. Das aber wäre ein eklatantes Missverständnis. Denn die (kreativen) Skrupel des Baritons, der an sich längst ein Superstar der Musikszene ist, sind, wie man weiß, grundehrlich.
Deshalb scheint der Titel seines neuen Schubert-Albums auch so wunderbar passend: Nachtviolen (Hesperis) sind jene selbstlosen Blumen, Kräuter eigentlich, die sich – tagsüber unauffällig – erst abends dutftend entfalten.
Und wie diese vermeintlich unscheinbaren Gewächse verbindet auch Schuberts Lied, 1822 komponiert, vermeintliche Schlichtheit des Satzes mit magischer Klangpoesie. Gerhaher vermittelt die Melancholie dieses Lieds – die der Komponist dem Verfasser des Gedichts, seinem früheren Freund Johann Mayerhofer, quasi hinterhertrug – ohne Sentimentalität, ohne jede Vorzeige-pose, ohne den notorischen «pädagogischen Eros», sondern schlicht berührend im unmittelbaren Sinn des Wortes. Das Album wandelt ein wenig abseits des üblichen Schubert-Repertoires, bringt manch viel zu selten ...
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Opernwelt September/Oktober 2014
Rubrik: Hören, Sehen, Lesen, Seite 40
von Gerhard Persché
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