Zaubertheater
Der Himmel hängt voller Folianten. Es wirkt bedrohlich, wenn sich aus dem Schnürboden eine gigantische Bücherwand auf Fausts Studierstube herabsenkt. Noch schwerer als das gesammelte Wissen allerdings drückt den Herrn Doktor die Last des Alters.
Da aber weiß zum Glück Monsieur Mephisto Rat – und tatsächlich zwängt sich ein frühlingshaft belaubter Ast durch die Öffnung in der schwebenden Regalwand, wenn sich zwischen Marguerite und Faust das liebesnächtliche Duett entspinnt: Grau, teurer Freund, ist alle Theorie, und grün des Lebens goldner Baum!
Hinrich Horstkotte bekennt sich in seiner «Faust»-Inszenierung ungeniert zum Pappmaché-Zaubertheater. Auf der riesigen Dessauer Bühne halten schwarz gewandete Statisten ein halbes Dutzend doppelseitig nutzbarer Häuschen ständig in Bewegung, außen Fassade, innen Puppenstube. Zusammen mit den historischen Kostümen erinnert das an die Optik des Musicals «Les Misérables» – nur dass Horstkotte intelligenter mit den Deko-Elementen spielt als die Broadway-Unterhalter. Da singt Marguerite vom «König in Thule», während sie durch die Straßen wandert – wobei sich hier die Gebäude um die Sopranistin bewegen statt umgekehrt. Ein raffinierter Effekt, der ...
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Opernwelt Mai 2012
Rubrik: Panorama, Seite 34
von Frederik Hanssen
Schaut man die Spielpläne der nächsten Saison durch, überkommt einen in Sachen Wagner und Verdi das große Gähnen. Nur wenige Häuser haben sich Originelles ausgedacht zu den Geburtstagen dieser zwei so unterschiedlichen Operntitanen des 19. Jahrhunderts, die sich zum 200. Mal jähren. In Leipzig beleuchtet man die drei Frühwerke Wagners neu, in Dresden konzentriert...
I.
Wenn zwei das Gleiche sagen, meinen sie noch lange nicht dasselbe. Es kann sogar gänzlich verschieden sein, wie jetzt in Mannheim und München, wo Achim Freyer und Andreas Kriegenburg nach dem «Rheingold»-Auftakt (siehe OW 12/2011 und 3/2012) fast gleichzeitig mit der «Walküre» den zweiten Teil von...
Herr Nelsons, warum dirigieren Sie am liebsten Repertoirevorstellungen?
Ich bin auch für neue Produktionen zu haben, aber sie sind oft zu zeitraubend. Außerdem kommt die Musik dabei vielfach nur an zweiter Stelle. Das sage ich, obwohl ich in Bayreuth sehr gute Erfahrungen mit Hans Neuenfels gemacht habe. Ein cleverer Mann, der Provokationen nicht aus Unkenntnis,...
