Höhen und Tiefen der China-Mode

Vivaldis «Teuzzone» unter Jordi Savall, «Orlando» unter Jean-Christophe Spinosi, Galuppis «Weiberfeind» unter Rinaldo Alessandrini

Die streng klassizistische Seria «Teuzzone» (1719) gehört neben der bissigen Boulevardkomödie «Ottone in villa» («Otto auf dem Lande», 1713) und der Zauberoper «Orlando (furioso)» (1727) zu den drei besten der erhaltenen Opern Vivaldis. Und das, obwohl der Meister 26 der insgesamt 33 Arien aus acht eigenen und drei fremden Opern übernahm und/oder später zweitverwertete. Stärker noch als Bach war der «rote Priester» ein Genie der Anverwandlung.

Oft überragen seine Kopien die Originale oder arbeiten als work in progress immer neue Aspekte aus demselben Material heraus. «Teuzzone» spielt (basierend auf den Geschichtswerken des Südtiroler Jesuitenmissionars Martino Martini) in China, folgt aber wie «Griselda» oder Calderóns «Standhafter Prinz» der Dramaturgie des Märtyrerdramas.

Der standhafte Prinz Teuzzone wird von seiner ihm in Liebeshass verbundenen Beinahe-Stiefmutter und ihren skrupellosen Mitläufern einer Reihe grausamer Prüfungen unterzogen, um am Ende als gebrochener Sieger doch noch auf den Thron zu gelangen. Im Schlusschor betont Vivaldi das Wort «cru-deltà» und macht damit ein letztes Mal deutlich, welches Prinzip die Welt regiert. «Teuzzone» ist ein machiavellistisches ...

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Opernwelt März 2012
Rubrik: Medien | CDs, DVDs, Bücher, Seite 26
von Boris Kehrmann

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