Dreigroschengeschichte, ernst genommen
Minnie reitet wieder. Auf einer Leinwand prescht sie durch die Prärie, während im Orchestergraben wilde Fortissimo-Arpeggien tosen, zwischen Dur und Moll changierende Akkorde, gefolgt von fallenden Ganztonketten. Die kurze Introduktion zu Puccinis «La fanciulla del West» als Vorspann wie zu einem Stummfilm-Western mit Live-Musik. Dann schwingt sich die Titelheldin vom Pferd und stürmt auf die Kamera zu, um gleich darauf – coup de théâtre – höchst real durch eine Papierwand an der Rampe zu brechen.
So holt Nina Stemme sich den ersten donnernden Applaus ab, noch ehe sie einen Ton gesungen hat.
Man ist verblüfft. Dies als Beginn einer Aufführung, deren Spielleiter Christof Loy heißt. Eher war eine szenische Gegenaktion zur Kolportage-Story zu erwarten, ein Kommentar zur Handlung etwa, wie bei Loys Plattenstudio-Version von «Frau ohne Schatten» vergangenen Sommer in Salzburg. Oder gar eine Ansiedlung im abstrakten Raum der condition humaine wie bei der auf das Essenzielle reduzierten Inszenierung von Bergs «Lulu» an Covent Garden vor zweieinhalb Jahren.
Möglich wäre es. Denn der «Wilde Westen» kommt in der «Fanciulla»-Partitur kaum vor; Jesse James hätte sein Pferd zu dieser Musik ...
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Opernwelt Februar 2012
Rubrik: Im Focus, Seite 6
von Gerhard Persché
Wenn Madame hereingeschoben wird, ist die Wuppertaler Opernbühne schon fast voll. Knapp unter der Portalkante schwebt ihr zierlicher Kopf, ragt gerade noch sichtbar aus der tiefblauen Riesenrobe heraus, die ihr die Aura einer fernen Königin der Nacht verleiht. Doch diese wunderliche Majestät wünscht niemandem der Hölle Rache an den Hals, sie erzählt vielmehr eine...
Sie hatten sich gesucht und gefunden: der erfolgreiche Komponist und umtriebige Opern-Manager Gian Carlo Menotti und der nicht weniger umtriebige Weltklasse-Tenor Plácido Domingo, der später auch ein erfolgreicher Manager werden sollte. Sie waren verbunden durch das gemeinsame künstlerische Credo: Oper ist zum Singen da. Bei einem Abendessen während des Edinburgh...
Nein, diese Oper hat keinen guten Ruf. Was natürlich auch mit ihrem Genre zusammenhängt. 1842 schrieb Gaetano Donizetti seine «Linda di Chamounix» für das Wiener Kärntnertortheater, das damals von einem Italiener geleitet wurde. Und der wollte gern die Triumphe wiederholen, die vorher Rossini in der Habsburgerhauptstadt gefeiert hatte. Deshalb vielleicht wurde die...
