Ein Meyerbeer für unsere Zeit
Der Vorgang ist von bezwingender Wirkung. Er ereignet sich im vierten Akt, der am Vorabend der «Bartholomäusnacht» spielt. Zehntausende Protestanten (= Hugenotten) fielen 1572 einem vom katholischen Königshaus gesteuerten Mordkomplott zum Opfer. Wenn der versammelte Pariser Mob – von fanatischen Mönchen auf die Bluttat als «heilige Sache» eingeschworen – in der Brüssler Aufführung seine Entschlossenheit zum Glaubenskrieg bekräftigt, drehen die Mörder Kreuze, die sie in ihren Händen halten, und ergreifen sie vom anderen Ende her. Eine synchrone Bewegung.
Plötzlich haben sich die Kreuze in emporgereckte Schwerter verwandelt: ein veritabler «coup de théâtre» (zumal er mit der musikalischen Klimax der Massenszene zusammenfällt) und doch weit mehr als das. Dass das Symbol des christlichen Glaubens mit dem des Krieges vertauscht wird – und zwar in einer Weise, die beide als Kehrseiten derselben Medaille kenntlich macht – verdichtet «Les Huguenots» in einem szenischen Bild von schockierender Ausdruckskraft. Gefühl und Verstand sind gleichermaßen bewegt. Es ist einer der zahlreichen Augenblicke dieser Inszenierung, die exemplarisch deutlich machen, was Musiktheater-Regie heute leisten kann ...
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Opernwelt August 2011
Rubrik: Im Focus, Seite 6
von Sieghart Döhring
Ponnelle! So schießt es einem unwillkürlich durch den Kopf, wenn der Zürcher Vorhang sich zu Mozarts «Il re pastore» öffnet. Wie’s der große Jean-Pierre so oft praktizierte: ein üppig-barockes Brunnen-Ambiente der wülstig wuchernden Treppen-Symmetrie mit einigem Symbolgetier. Indes, Luigi Perego war’s wieder mal. Er kleidete Mozarts Huldigungs-«Serenata» ein....
Kultur scheint die Passion der Politiker – sie verfolgen sie. Dabei geht es in der Regel um vergleichsweise geringe Beträge. Doch wird die Sparschraube mit Vorliebe dort angesetzt, wo die Gefahr einer Auswirkung auf die Wählerarithmetik am geringsten ist. Wie zur Zeit bei der Wiener Kammeroper, die aufgrund von Subventionsengpässen ums Überleben kämpft – ein Brand,...
«O vin, discaccia la tristezza» – so kannten unsere Groß- und Urgroßeltern den Opern-Hamlet des Ambroise Thomas: als viril-stählernen «italienischen» Bariton im Höhenglanz. Vokal-Legenden wie Mattia Battistini und Titta Ruffo waren seine potentesten Inkarnationen. Seit den späten Siebzigern etablierte sich Sherrill Milnes allenthalben. «Ô vin, dissipe la...
