Zwei Gesichter
Mit Zaubertränken ist das so eine Sache: Man muss dran glauben, sonst wirken sie nicht. In Bad Wildbad wurde ein solcher gereicht, verdienst- und eigentlich reizvoll, die «Moderne Erstaufführung» von Daniel-François-Esprit Aubers «Le philtre», dem «Liebestrank».
Ist es nun Segen oder Fluch, dass man beim Hören ständig das emotional aufgeladenere, elegantere «Remake» Donizettis im Ohr hat? Dass man beim nach Einnahme des Trankes (philtre) überdreht getröteten «Tra, la, la, la, la» an einen gewissen Nemorino denkt oder den entzückenden Nonsens wiedererkennt, Dulcamaras (hier: Fontanaroses) Scharlatan-Mittelchen hätten einen über 70-Jährigen noch zum zehnfachen «Großvater» gemacht? Das Meisterwerk «L’elisir d’amore» (Donizetti kam damit nur ein Jahr nach Auber heraus) kann man in keiner Szene ganz ausblenden.
Wäre dem nicht so – würde es trotzdem banal klingen, dass von den neun Nummern im ersten Akt von «Le philtre» vier in A-Dur erklingen, eine fünfte – welch Abwechslung! – in a-moll? Dass für die Chöre fast ausschließlich ein ländlich kolorierter Sechsachteltakt zur Verfügung zu stehen scheint? Würde so deutlich auffallen, dass die großen Tableaus mit ihren endlosen Refrains zu ...
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Opernwelt September/Oktober 2021
Rubrik: Festspiele Bad Wildbad, Seite 40
von Stephan Knies
Robert Wilson
Damals, im Sommer 1976, geschah der Musiktheater-Umsturz: Robert Wilson, 34-jähriger Texaner, präsentierte in Old Europe eine Kreation mit dem rätselhaft absurden Titel «Einstein on the Beach», die Minimal Music dazu lieferte der Amerikaner Philip Glass. Das Stück hatte von Avignon aus Furore gemacht, mit Gastspielen in einigen Theatermetropolen....
Sein Name ist etwas in Vergessenheit geraten. Was mehr als bedauerlich ist, zählte Ludwig Marcuse, dessen 50. Todestag wir in diesem Jahr begehen, zu den feinsinnigsten Beobachtern der menschlichen Spezies, als Schriftsteller, Essayist und Philosoph, als gleichermaßen spitzfindiger wie scharfzüngiger (Frei-)Geist. Insbesondere ein Buch Marcuses, der vorausschauend...
Eine Stimme, die singt – nichts weiter. Aber was und wie sie singt, verführt in Luciano Berios abstrakt-wortlosem akustischem Theater «Sequenza III» den Hörer. Töne entstehen aus Mundgeräuschen, verschwinden, überlagern sich, die Palette der Laute reicht vom Stöhnen und Keuchen, Lallen und Schnalzen, Flüstern und Schreien, Lachen und Weinen bis zum Sprechen und...
