Zu laut war ich nie
Lebenserinnerungen bergen stets eine gewisse Tücke: Will deren Verfasser die ganze Wahrheit sagen, muss er nolens volens auch die unerfreulichen, zum Teil sogar schmerzlichen Erfahrungen protokollieren, riskiert also unter Umständen heftige Reaktionen derjenigen, mit denen er in seiner Autobiografie «abrechnet». Wählt er hingegen den Weg des geringen Widerstands und blendet alles Negative aus, rutscht das Buch mit einiger Sicherheit in die hagiografische Ecke. Was auch nicht besonders erklecklich ist.
Helmut Deutsch wählt den (nicht immer) goldenen Mittelweg.
Zunächst verzichtet er auf das große Wort «Autobiografie». Verwundern darf dies nicht: Wer den österreichischen Pianisten einmal kennengelernt hat, weiß um seine Bescheidenheit. «Gesang auf Händen tragen» heißt also sanft-poetisch das Opus und im Untertitel «Mein Leben als Liedbegleiter». Eben als solchen begreift sich Deutsch erklärtermaßen, im Gegensatz zu einigen Kollegen, die sich «Liedpianisten» nennen, um bloß nicht in den Ruf zu geraten, allein Diener der «großen» Sänger zu sein. Diesen «höheren» Anspruch hat Helmut Deutsch nie formuliert. Er sieht sich als genuinen Begleiter, der nie zu laut war; als eine Art ...
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Opernwelt August 2019
Rubrik: Hören, Sehen, Lesen, Seite 29
von Jürgen Otten
Vor zwei Jahren schlug Dmitri Tcherniakovs «Carmen»-Inszenierung in Aix-en-Provence hohe Wellen. Der russische Regisseur und Bühnenbildner hatte Bizets Opern-Blockbuster so radikal umgepolt, dass das Stück bei ihm eigentlich «Don José» heißen müsste. Nicht die Titelheldin, sondern ihr oft als Weichei gezeichneter Lover bildete den Mittelpunkt. Die Geschichte...
Countertenöre scheinen die Welt der Barockoper heute so zu beherrschen, wie es früher die Kastraten taten, als deren moderne Wiedergänger die falsettierenden Sänger heute oft verstanden werden. «Historisch informiert», wie eine häufig gebrauchte Zauberformel der Aufführungspraxis lautet, ist diese Besetzungsoption freilich nicht. Würde man sich anhand der Quellen...
Diesem Mann ist nicht zu helfen. Während seine einstige Liebe Stella im Theater singt, sehen wir den erfolglosen Dichter Hoffmann im Bistro nebenan, hin- und hergerissen zwischen Schreiben und Trinken. Um ihn herum stapeln sich die getippten Manuskriptseiten, aus dem Off erklingen die Geister des Bieres und des Weins, bis er schließlich betrunken am Boden liegt....
