Zu kurz gegriffen

Boris Kehrmann über die Strauss’sche «Elektra» und Gnecchis «Cassandra» an der ­Deutschen Oper Berlin;  dazu Statements zum Thema «Oper und Pathos»

Was immer man gegen Kirsten Harms, die viel gescholtene Intendantin der Deutschen Oper Berlin, sagen kann: ­Eines sollte man im Auge behalten. Die Deutsche Oper macht einen mutigen und eigenwilligen Spielplan. Wo andere Häuser auf den Barockzug aufspringen, längst entdeckte Meisterwerke «wiederentdecken» oder durch Kompositionsaufträge versuchen, historisch womöglich überlebte Facetten der Gattung Oper zu beleben, stellt die Deutsche Oper spannende Werke zur Diskussion, die man sonst nirgendwo sehen kann.

Die Dramaturgie des Hauses ist konsequent und könnte der Trend von morgen werden: Es geht ihr darum, das Erbe der bürgerlichen Oper um 1900 neu zu sichten, den europäischen Kontext deutlich zu machen, vor dem die Werke des Kernrepertoires entstanden sind, und dessen Schrumpfen entgegenzuwirken. Seit Kirs­ten Harms und ihr Chefdramaturg Andreas K. W. Meyer in Berlin wirken, ist die leidige Doubletten-Debatte verstummt. Das sollte man honorieren. Die Frage ist nur: Ist das Haus seinem Spielplan künstlerisch gewachsen?
Die Antwort nach der über dreistündigen Doppelpremiere «Cassandra»/ «Elektra» fällt zwiespältig aus. Vittorio Gnecchis 1905 von Arturo Toscanini in Bologna ...

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Opernwelt Dezember 2007
Rubrik: Im Focus, Seite 22
von Boris Kehrmann, Albrecht Thiemann

Vergriffen
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