Zimmer mit Aussicht

Tschaikowsky: Eugen Onegin am Theatre de la Monnaie in Brüssel

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Gleich vielen Figuren in den Dramen von Tschechow kommt auch Tschaikowskys Tatjana das landadelige Leben mit seinen bescheidenen Abwechslungen allzu unaufgeregt vor. Die junge Frau flüchtet sich daher in die Welt der Dichtung; für Mutter und Schwester sowie den langweiligen Alltag um sie herum erübrigt sie kaum einen Seitenblick. Da ist es kein Wunder, wenn eines Tages einer der Romanhelden «tatsächlich» vor ihr erscheint. 

Laurent Pelly schildert die Ereignisse in Brüssel aus Tatjanas Sicht.

Für den französischen Regisseur ist sie zunächst nichts als eine kaum dem Mädchenalter entwachsene Frau; ihre Brief-Arie wähnt Pelly gleichsam von Salonmusik inspiriert. Doch ist «Eugen Onegin» kein Werk, das den Adel mit sentimentalen Romanzen etwa in der Manier Paolo Tostis beliefert; unter der Oberfläche der idolsüchtigen Tatjana erschließt Tschaikowsky einige musikalische Tiefendimensionen. Von hier aus weitet sich der Horizont zu allgemeinmenschlichen Leidenschaften. Freilich bedarf es eines gewissen materiellen Komforts, um diese ausleben zu können. Deswegen bleibt bei Pelly das Werk im zaristischen Russland situiert. Tatjana frönt dort ihren Sehnsüchten, Onegin jenem grenzenlosen Ennui, ...

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Opernwelt März 2023
Rubrik: Panorama, Seite 56
von Michael Kaminski

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