Zeitenwende
Die Straßburger «Salome» hat noch gar nicht angefangen, schon sind wir mittendrin. Während das Publikum sich in der Opéra national du Rhin einfindet, streichen drei sehenswerte Grazien in geschlitzter Abendrobe einen Jüngling im Slip mit tiefroter Farbe an. Tiefrot sind auch die gewaltigen Flügel, die er umgehängt bekommt, mit denen er später, des knappen Bekleidungsstücks entledigt, durch die Handlung streift: als Todesengel, dessen Rauschen Jochanaan im Palast des Herodes wahrnehmen wird.
Er befindet sich in bester Gesellschaft.
Sowohl die Christus-Skulptur, ein Gekreuzigter ohne Kreuz, als auch der (textgetreu auf silbernem Tablett servierte) Jochanaan werden abendfüllend fliegend durchs Geschehen transportiert. Mit beiden Flugobjekten unterhält Salome intensiven Kontakt. Es scheint, als spuke in den Hirnen der «Salome»-Equipe der Begriff «Zeitenwende» umher. Das Juden-Quintett ist nicht ohne Bedacht durch fünf aufgeregt streitende Herren ersetzt, die große Religionen und Konfessionen repräsentieren. Jochanaan lässt ebenfalls einen Hang zur Gewaltbereitschaft erkennen. Auch wo Einwände denkbar sind: Olivier Pys «Salome»-Variante ist bilderreich und vom Libretto gedeckt. Vor ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt Mai 2017
Rubrik: Panorama, Seite 50
von Heinz W. Koch
Eines verbindet die drei neuen Kammeropern, die das Opera Forward Festival dieses Jahr zeigte: In den Libretti wimmelt es nur so von Schimpfwörtern. Der Schriftsteller Douglas Adams erfand für sein «Hitchhiker»-Universum einst eine Drehbuch-Auszeichnung für «den überflüssigsten Gebrauch des Wortes fuck. Gäbe es einen solchen Preis – hier sind drei Kandidaten.
Eige...
Mit Antonio Cestis «L’Orontea», einem Stück über die Liebesirrungen und -wirrungen rund um die titelgebende ägyptische Königin, hat die Frankfurter Oper 2015 eine der erfolgreichsten Opern des 17. Jahrhunderts auf die moderne Bühne geholt und große Resonanz bei Publikum wie Kritik gefunden (OW 3/2015). Dass die Begeisterung, die diese Aufführung auslöste, nicht vor...
Wer würde schon hinter Wörtern wie Opium oder Parfüm die Titel musikalischer Anthologien erahnen? Oder gar ein «Konzept» hinter dem Wort «Heimat», das Benjamin Appl für seine Debüt-CD bei Sony gewählt hat. Auf die Frage, um welche Heimat es geht, geben die 25 Lieder deutscher, französischer, englischer und eines norwegischen Komponisten 1003 Antworten. Es gehe...
