Wüste Herz

Tobias Kratzer zeigt in seiner Tallinner «Aida» Radames als Kriegstraumatisierten. Das vokale Kraftzentrum ist Amneris

Opernwelt - Logo

An einem der Twin-Betten lehnt ein Rucksack, Radames’ Uniformjacke hängt an der Garderobe. Das Vorhangmuster wiederholt sich auf den Badezimmerkacheln. Hinterm Balkongeländer erstreckt sich eine Betonwüste; manchmal geht Amneris draußen in der Hitze eine rauchen. Eine ziemlich armselige Absteige, dieses Hotel: Radames’ Leben riecht nach Sackgasse (Ausstattung: Rainer Sellmaier). Gequält windet er sich, als ihm – Fata Morgana auf Gazeschleier – ein knopfäugiger Elefant erscheint. Regisseur Tobias Kratzer gönnt dem Talliner Publikum diesen kleinen Bissen Exotismus.

Später zeigt er per Projektion einige «Wilde» mit Speeren, Pfeil und Bogen: Krieg ist Krieg, unabhängig vom Stand der Technik.

Radames ist eigentlich an dieser Stelle schon erledigt. Traumatisiert, kaum noch gesellschaftsfähig. Dass er von Präsident Re jetzt befördert wird, ist wahrscheinlich das Schlimmste, was ihm passieren kann. Tatsächlich scheint der Bote, der vor den Äthiopiern warnt, sein Schicksal vorwegzunehmen: Abgerissen und erschöpft sinkt der Soldat zu Boden, Ströme von Sand rinnen aus seinen Ärmeln, Hosenbeinen, Taschen. Während alle «Guerra!» jubeln, gibt er sich im Hotelflur unbemerkt die Kugel. Ja, Radames ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt März 2016
Rubrik: Im Focus, Seite 4
von Wiebke Roloff

Weitere Beiträge
Schumann, der Grenzgänger

Die Visitenkarte noch vor der offiziellen Amtseinführung – so stellt sich der erste Mitschnitt des London Symphony Orchestra mit seinem künftigen Chef Simon Rattle dar, der nun beim orchestereigenen Label veröffentlicht worden ist. Thema ist Robert Schumanns genial-befremdliches Oratorium «Das Paradies und die Peri», in dem einige Dirigenten sein bestes Werk für...

Lustvoll an der Oberfläche

Blutüberströmte Kinderleichen, literweise Sperma, durchbohrte, geschändete Körper, Regie-Berserker, Bühnen-Radikaler ‒ ob Calixto Bieito solche Markenzeichen, die ihm von Dramaturgen und Marketingabteilungen der Theater voran- und von der Kritik hinterhergetragen werden, nicht langsam fad werden? Während alle Welt den Mann auf den Wiedererkennungswert «Skandal»...

Aus dem Leben eines Taugenichts

Neulich musste ich mal eine Gruppe Studenten auf Trab bringen – und war bass erstaunt, wie sorglos da mancher in die erste Probe spazierte. «Auf geht’s!» – «Hast du Töne, Freundchen?» – «Nö». Mann, den Mumm muss man erst mal haben. Mir fehlte der immer. Aber es gibt halt verschiedene Typen. Zeit für einen Psychotest.

1) Sie bekommen die Zusage für eine Rolle. Wie...