Wüste Herz
An einem der Twin-Betten lehnt ein Rucksack, Radames’ Uniformjacke hängt an der Garderobe. Das Vorhangmuster wiederholt sich auf den Badezimmerkacheln. Hinterm Balkongeländer erstreckt sich eine Betonwüste; manchmal geht Amneris draußen in der Hitze eine rauchen. Eine ziemlich armselige Absteige, dieses Hotel: Radames’ Leben riecht nach Sackgasse (Ausstattung: Rainer Sellmaier). Gequält windet er sich, als ihm – Fata Morgana auf Gazeschleier – ein knopfäugiger Elefant erscheint. Regisseur Tobias Kratzer gönnt dem Talliner Publikum diesen kleinen Bissen Exotismus.
Später zeigt er per Projektion einige «Wilde» mit Speeren, Pfeil und Bogen: Krieg ist Krieg, unabhängig vom Stand der Technik.
Radames ist eigentlich an dieser Stelle schon erledigt. Traumatisiert, kaum noch gesellschaftsfähig. Dass er von Präsident Re jetzt befördert wird, ist wahrscheinlich das Schlimmste, was ihm passieren kann. Tatsächlich scheint der Bote, der vor den Äthiopiern warnt, sein Schicksal vorwegzunehmen: Abgerissen und erschöpft sinkt der Soldat zu Boden, Ströme von Sand rinnen aus seinen Ärmeln, Hosenbeinen, Taschen. Während alle «Guerra!» jubeln, gibt er sich im Hotelflur unbemerkt die Kugel. Ja, Radames ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt März 2016
Rubrik: Im Focus, Seite 4
von Wiebke Roloff
Sieben Stücke für das Musiktheater hat er geschrieben, darunter ein Werk über «Gilgamesch», das älteste Epos der Literaturgeschichte, und eine Reflexion über den Orpheus-Mythos: «Der unendliche Gesang». Das Unabschließbare, Uneinholbare, Ungeordnete ist überhaupt der mentale Ausgangs- und Angelpunkt des Komponisten, dem das Kuratorium der Ernst von Siemens...
Sie schütteln lange Mähnen und tragen viel Make-up. Nieten, schwarzen Samt und Leder. Ihre Züge sind weich, die Augen blicken sympathisch. So sitzen Perttu Kivilaakso und Eicca Toppinen in einem Besprechungsraum der Finnischen Nationaloper in Helsinki. Man sollte eigentlich nicht so überrascht sein, dass die beiden sich an einer Oper versucht haben. Klar, sie sind...
Die wichtigste Sängerin in Verdis Leben nach Giuseppina Strepponi, der ersten Abigaille im frühen «Nabucodonosor», war die aus der Nähe von Prag stammende Teresa Stolz(ová). Bei den Proben zu «Aida», in der sie 1872 die Titelrolle sang, und zur «Messa da Requiem» kam ihr der Komponist so nahe, dass Strepponi, nach langen Jahren als Konkubine schließlich Verdis...
