Wüste Herz
An einem der Twin-Betten lehnt ein Rucksack, Radames’ Uniformjacke hängt an der Garderobe. Das Vorhangmuster wiederholt sich auf den Badezimmerkacheln. Hinterm Balkongeländer erstreckt sich eine Betonwüste; manchmal geht Amneris draußen in der Hitze eine rauchen. Eine ziemlich armselige Absteige, dieses Hotel: Radames’ Leben riecht nach Sackgasse (Ausstattung: Rainer Sellmaier). Gequält windet er sich, als ihm – Fata Morgana auf Gazeschleier – ein knopfäugiger Elefant erscheint. Regisseur Tobias Kratzer gönnt dem Talliner Publikum diesen kleinen Bissen Exotismus.
Später zeigt er per Projektion einige «Wilde» mit Speeren, Pfeil und Bogen: Krieg ist Krieg, unabhängig vom Stand der Technik.
Radames ist eigentlich an dieser Stelle schon erledigt. Traumatisiert, kaum noch gesellschaftsfähig. Dass er von Präsident Re jetzt befördert wird, ist wahrscheinlich das Schlimmste, was ihm passieren kann. Tatsächlich scheint der Bote, der vor den Äthiopiern warnt, sein Schicksal vorwegzunehmen: Abgerissen und erschöpft sinkt der Soldat zu Boden, Ströme von Sand rinnen aus seinen Ärmeln, Hosenbeinen, Taschen. Während alle «Guerra!» jubeln, gibt er sich im Hotelflur unbemerkt die Kugel. Ja, Radames ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt März 2016
Rubrik: Im Focus, Seite 4
von Wiebke Roloff
Viele Jahre sprang an Berlins Staatsoper René Jacobs mit Barockopern in die Bresche, wenn Daniel Barenboim mit der Staatskapelle auf Reisen ging – und triumphierte. Verflossene Zeiten. Diesmal, das Orchester weilte in Japan, zelebrierte man im Ausweichquartier Schiller Theater den «Mord an Mozart»: ein extravaganter Musiktheater-Versuch, eine Collage aus...
In ihrer Lübecker Mozart-Inszenierung versucht Sandra Leupold ins Szenische zu übertragen, was die Harmonielehre einen Trugschluss nennt: Nachdem die drei männlichen Protagonisten am Ende des Andante Nr. 30 ihr «Così fan tutte» geschmettert hatten, fällt der Vorhang, Guglielmo, Ferrando und Don Alfonso verbeugen sich, und das Saallicht wird eingeschaltet. Ein...
Neulich musste ich mal eine Gruppe Studenten auf Trab bringen – und war bass erstaunt, wie sorglos da mancher in die erste Probe spazierte. «Auf geht’s!» – «Hast du Töne, Freundchen?» – «Nö». Mann, den Mumm muss man erst mal haben. Mir fehlte der immer. Aber es gibt halt verschiedene Typen. Zeit für einen Psychotest.
1) Sie bekommen die Zusage für eine Rolle. Wie...
