Wirklichkeit und Wahn
Kürzlich ist postum der dritte Band von Günther Rühles «Theater in Deutschland» erschienen. Wie in den vorangehenden Bänden fordert der renommierte Kritiker und Intendant in seiner Theatergeschichte, dass in Inszenierungen die Gegenwart für den Zuschauer spürbar sein müsse; ohne Zeitbezug verlöre das Theater Relevanz. Dass das einem heiklen Balanceakt gleicht, ist täglich in deutschen Schauspielund Opernhäusern zu erleben. Allein, um aktuell zu sein, genügt es nicht, den Text, eine Partitur mit Gegenwartschiffren zu illustrieren. Die Folie des Politischen ist ästhetisch rissig.
In dieser Hinsicht verzichtete die Neuproduktion von Mussorgskys Oper «Boris Godunow» an der Mailänder Scala auf naheliegende Anspielungen an das zerbrochene Verhältnis von Europa und Russland nach dessen Angriff auf die Ukraine. Derart unsensibel gegenüber den Zeitläuften hätte Kasper Holtens Inszenierung andererseits nicht ausfallen müssen. Der Krieg spielte kurz vor der Premiere immerhin realpolitisch eine Rolle. Andrej Kartysch, der ukrainische Konsul in Mailand, warf dem Scala-Intendanten Dominique Meyer vor, mit der Aufführung russische Propaganda zu betreiben, und forderte die Absetzung des Werks. In ...
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Opernwelt Februar 2023
Rubrik: Im Focus, Seite 14
von Götz Thieme
Der Teufel hol’ den deutschen Kontrapunkt!», so fluchte Richard Strauss einmal ironisch. Aber nicht bloß in der Partitur der «Meistersinger von Nürnberg» seines Vornamenskollegen regiert im Stimmengeflecht der ausdrucksvolle Widerpart. Auch szenisch versteht sich Regisseur Keith Warner darauf. «Wach auf!» schmettert der Chor etwa als Huldigung an Hans Sachs – doch...
Selbst den alten Wagner hat es schon erwischt, wenn auch fast ein halbes Jahrhundert nach Nikolaus Harnoncourts Revolution in der Vorklassik: «Historisch informiert», diese (inhaltlich sehr dehnbare) Deutungspraxis, dringt immer weiter vor ins 19. Jahrhundert. Davon weitgehend unbeleckt, abgesehen von Vorstößen etwa eines Giovanni Antonini, ist der Belcanto....
Uraufführungen gehören an der Oper Erfurt zum guten Ton. 20 in Auftrag gegebene und dort erstmalig aufgeführte Novitäten seit Bezug des Neubaus 2003 bilden eine beachtliche Bilanz für ein Haus dieser Größe.
In der aktuellen Spielzeit unter dem Delphi-Motto «Erkenne dich selbst» wird nun ein Kapitel der Nachkriegsgeschichte des modernen Griechenlands aufgeschlagen....
