Wie du warst! Das weiß niemand

Christoph Marthaler zensiert in Basel einen Teil von Offenbachs «Grande-Duchesse de Gérolstein»

Nach einer knappen Viertelstunde der erlösende – erste – Satz auf der Bühne: «Ist ein Regisseur im Publikum?» Schon möglich, dass da ­einer sitzt im Basler Theater, aber es meldet sich keiner. So bleibt doch die ganze Aufführung an einem anderen hängen. Der hat ganz offensichtlich keine Lust. Oder sagen wir vorsichtiger, freundlicher: Christoph Marthaler hat Skrupel. Er wird sich nach nur einem Akt aus der Opéra-bouffe «La Grande-Duchesse de Gérolstein» stehlen, so wie er sich in das Stück hineingemogelt hat. Was dazwischen war, hatte mitunter genialische, marthalerische Züge.

Wie man das findet, hängt davon ab, wie weit man geneigt ist, den Interpretationsspielraum eines Regisseurs auszudehnen...
Eine Diskussion, die über den Premierenabend hinausgeht. «Darf das Stück unter ‹Offenbach› laufen?», fragt die Basler Zeitung gut zwei Wochen danach und verweist gleichzeitig auf die große Publikumsresonanz: Ausgebucht bis Ende Januar – «egal, ob wegen oder trotz der Eingriffe Marthalers». Tatsächlich mutiert dieser mit seiner Basler Inszenierung vom Brandstifter zum Biedermann, vom Interpreten zum Zensor. Denn Marthaler schleift sich den Komponisten Jacques Offenbach und seine ...

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Opernwelt Februar 2010
Rubrik: Im Focus, Seite 8
von Alexander Dick

Vergriffen
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